Berlin-Mitte ist eine Art Testlabor für gesellschaftliche Trends. Hier lässt sich frühzeitig erkennen, wohin wir steuern. Was ich zurzeit beobachte, lässt nichts Gutes ahnen. Im Boombezirk Prenzlauer Berg hat mal wieder eine neue Lounge eröffnet. (Dachte ich jedenfalls.) Das Schaufenster besteht ab Hüfthöhe aus Milchglas, in das das Wort Anwalt geschliffen wurde. Origineller Name für eine Bar. Drinnen sieht alles sehr amerikanisch aus, wie bei Ally McBeal, aber schnell muss ich erkennen, dass die Menschen an den Schreibtischen nicht da sitzen, weil sie auf Cocktails warten. Die Lounge ist tatsächlich eine Kanzlei. Der Jurist Jan Peter Jansen hat sich und seine Angestellten in ein Ladenlokal gesetzt, um Laufkundschaft anzulocken. Einmal sensibilisiert, fällt mir auf, dass es in der Nachbarschaft viele solcher merkwürdiger Schaufenster gibt. Da hocken Angestellte einer Internet-Agentur mitsamt halb aufgegessener Pizza hinter Glas, dort lassen sich die Mitarbeiter eines Architekturbüros von Flaneuren in ihre Computergrafiken schauen. Der gläserne Dienstleister hat nichts mehr zu verbergen, und damit das jeder Zufallspassant sehen kann, zahlen Unternehmer gerne die sündhaft teure Ladenmiete. Der Blickkontakt baut Hemmschwellen ab, zu uns kommen Mandanten, die normalerweise große Berührungsängste mit Anwälten haben, sagt Jansen. Außerdem erhöht die Arbeit auf dem Präsentierteller die Effizienz seiner Angestellten. Wer lässt sich schon gerne beim Bummeln zuschauen?

Der Schreibtischjob als Showprogramm für Fußgänger und zur eigenen Motivationssteigerung. Denn Leistung wird umso schöner, je mehr Menschen sie bemerken. Schaufensterbüros sind kein Zufall, sondern nur eine neue Facette der permanenten Selbstvermarktung. Angefangen mit dem Dienstleistungsexhibitionismus haben übrigens die Angelsachsen. Bei BBC und CNN muss die Nachrichtenredaktion schon lange als Kulisse für die Anchorperson herhalten. Oft passen Nachricht und Hintergrund zwar nicht zusammen, wenn ungeachtet neuer Katastrophen ein traniger Kaffeetassenträger durchs Bild schlurft, aber wen stört das schon? Die Schreibtischkräfte wissen, dass ihre gebeugten Oberkörper in alle Welt gesendet werden. Dafür verzichten sie wahrscheinlich sogar aufs Weihnachtsgeld. Morgen werde ich ein schönes Schaufenster suchen, für unser Büro. Dann werden wir es allen zeigen!

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD