Der große Kriegsherr war auf dem Meer ein Angsthase. Aus Persien ließ er sich von den Winden die Küste entlang bis nach Griechenland schieben. Doch an Athos, einem schmalen Anhängsel der Halbinsel Chalkidike, traute sich der persische König Xerxes im Jahr 480 vor Christus nicht vorbei. Sein eigener General Mardonius hatte hier zwölf Jahre zuvor nämlich böse gepatzt. In den gefährlichen Strömungen rund um den Landzipfel waren dessen Kriegskähne in einen Sturm geraten und gekentert, ein Großteil der Mannschaft war ertrunken.

Xerxes wollte dieses Risiko um keinen Preis eingehen und beschloss daher, im Sturm auf das verfeindete Griechenland die sichere Route zu nehmen: quer durchs Land. Per Schiff.

Xerxes wählte dazu eine andere Taktik als zwei Jahrtausende später der wahnsinnige Fitzcarraldo, der sein Schiff von seinen Mannen über Höhenzüge im Regenwald schleppen ließ. Um die Kähne auf die andere Seite zu bringen, orderte König Xerxes in Phönizien qualifizierte Ingenieure und ließ in drei Jahren einen gigantischen Kanal quer durch die Halbinsel graben: zwei Kilometer lang, vier Meter tief und am Grund dreißig Meter breit. Erst als die Bauarbeiter mit Schaufeln und Körben die Rinne ausgehoben hatten, schwang sich die Kriegscrew an Bord, schipperte durchs Land gen Süden, dann weiter nach Westen und zerstörte Athen.

Die Existenz dieses sagenumwobenen Kanals konnte erst jetzt ein britisch-griechisches Forscherteam nachweisen. Zehn Jahre lang hatte die Suche gedauert. In der jüngsten Ausgabe des Journal of Applied Geophysics berichtete die Gruppe um den Schotten Richard Jones von der Universität Glasgow und seinen englischen Kollegen Ben Isserlin von der Universität Leeds, wie sie dem längst verschütteten Kanal auf die Spur kamen. Sie legten Metallplatten auf den Boden und sandten mit heftigen Hammerschlägen akustische Signale in die Tiefe. Aus den Wellen, die als Echo zurückkehrten, errechneten die Forscher die Struktur des Untergrunds. Deutlich zeichnete sich, in einer Tiefe von zirka 15 Metern unter der heutigen Landoberfläche, die Struktur der einstigen Fahrrinne ab - exakt so, wie sie Herodot beschrieben hatte. Diese seismische Methode, die ziemlich genaue Phantombilder des Erdreichs liefert, nutzen ansonsten Geologen, um nach Öl und Mineralien zu suchen.

Die etwas umständliche Anreise des Persers ist, mit Details reich ausgeschmückt, vom Historiker Herodot beschrieben worden. Weil auf der Halbinsel Athos weit und breit keine Überreste eines antiken Kanals zu erblicken waren und widerspenstiges Gestein den Bau einer solchen Wasserstraße für damalige Bauherren unmöglich erscheinen ließ, wurde die griechische Edelfeder jahrhundertelang verdächtigt, geflunkert zu haben.

Schließlich hatte Herodot auch sonst gerne mal übertrieben, etwa bei der Einschätzung der Truppenstärke: Er schrieb, fünf Millionen Perser seien aus dem Osten angerückt, zwei Millionen Soldaten und ein Tross mit drei Millionen Bediensteten, Köchinnen, Eunuchen und Nebenfrauen. Die Historiker gehen heute davon aus, dass Xerxes höchstens 100 000 Mann nach Griechenland kommandierte.

Nach dem Lauschangriff bestätigten zusätzliche Bohrungen die Existenz der Rinne. Dieses Meisterwerk der Ingenieurkunst war allerdings von Anfang an bloß für den einmaligen Gebrauch bestimmt - und verlandete danach umgehend.