Sehr verehrter Klaus Harpprecht,

Ihr Brief, Sie ahnen es, war nicht der einzige. Gottesvolk und Kriegstrompeten (ZEIT Nr. 46) hat eine Flut von Briefen ausgelöst, vier Fünftel davon Protest. Man überführte mich des lustvoll ausgelebten Antijudaismus. Nur ein toter Jude sei für mich ein guter Jude. Die Welt informierte den ihr zugänglichen Teil derselben, ich hätte Israels Existenzrecht bestritten. - Solch absichtsvolles Missverstehen ist feindbildbedürftig und möchte keine Antwort. Schwer tue ich mich auch mit dem Argument, Antisemit sei, wer sich für keinen hält. Ich kann aber unmöglich überlesen, dass aus den meisten Briefen ehrliche Sorge spricht, ich oder die ZEIT wollten à la DDR den Holocaust in die vollendete Vergangenheit entsorgen und Israel zum antiimperialistischen Abschuss freigeben. Das wird nie geschehen.

Mein Text umfasste im Kern zwei aktuell geschärfte Kapitel meines Buches Volk bleibt Volk. Sie entstammen einer langen autobiografischen Erzählung über Volkszugehörigkeit und den Wunsch, ihr zu entkommen. Der Erzähler tritt nicht als selbstgerechtes Ego auf, sondern auch als Zeuge gegen die eigene Herkunft und Präformation. Vielleicht lässt sich seine Geschichte nicht einfach vom Buch in die Zeitung umheben, oder nicht zum 9. November. Mich schockiert jedoch, lieber Herr Harpprecht, wie Sie als Altmeister mehrdimensionalen Schreibens meinen Text geradezu ins Gegenteil umgeplättet haben. Ist Ihnen völlig entgangen, wie der gesamte Auschwitz-Teil meine Unfähigkeit schildert, diesen entsetzlichen Ort ins Begriffene zu überführen? Wie auch das Folgende, mit Warn- und Leitbojen markiert, uns Deutschen den Exodus aus der Holocaust-Verantwortung untersagt? Falls überhaupt nötig, gebietet diese deutsche Schuldgeschichte geradezu Israels Recht auf staatliche Existenz.

Israels Ambivalenz liegt im Doppelcharakter als säkuläre Demokratie und ethnischer Religionsstaat. Als Theologe weiß ich, dass der jüdische Erwählungsglaube keinen Herrenrassen-Anspruch bedeutet, sondern, ganz kurz, Gottes verpflichtende Zusage, an der Menschengeschichte teilzunehmen. (Sehr schön ist Ezra Ben Gersh'ms Essay Der Erwählungsglaube. Exklusivität und Toleranz im Wetteifer der Religionen und Nationen, erschienen im Merkur Nr. 9 u. 10/99.) Nicht den Erwählungsglauben, sondern seine Perversion, die Hybris, bezeichnete ich als Fluch. Die Warnung vor solcher Anmaßung durchzieht wie ein Basso continuo die alttestamentliche Prophetie und wird als Gottesentfernung gegeißelt. Ist Scharons Palästinenserpolitik von solcher Hybris fern? Es gibt einen perfiden Undercover-Antisemitismus, der sozusagen über Bande spielt und Israel zum moralisch sakrosankten Judenreservat erniedrigt. "Hält nicht Israel bis heute fremde Erde und büßt dafür mit Tod und tötet jeden Tag?" Das bezog sich ausschließlich auf die okkupierten Gebiete. Das entbindet keinen Arafat von Verantwortung für das Scheitern von Camp David. Das rechtfertigt keinen Intifada-Mord. Mohammed al-Durras Sterben habe ich als "Ecce Homo!" aufgeschrieben, nicht als antijüdischen Kriegsruf.

Ich sah diesen Tod. Ich weiß, wie viel ich nicht sah, etwa das Sterben der jüdischen Kinder in der Diskothek von Tel Aviv.

Lieber Klaus Harpprecht, reduzieren wir doch den Dissenz auf sein tatsächliches Maß. Der Sprung vom Jahwe-Bund zum deutschen Nationalismus endet im Sumpf, das habe ich kapiert. Zu Auschwitz und gegen das Vergessen empfehle ich ein unvergessliches Tagebuch: "Dies Kind soll leben". Die Aufzeichnungen der Helene Holzmann 1941-1944 (Schoeffling & Co.

Frankfurt/Main 2000). Das Buch berichtet von der Vernichtung der litauischen Juden. Ihrer zu gedenken sei auch Deutschen erlaubt.