Würde Jon Olsson den D-Spin 720 Grab noch einmal stehen? Begleitet von über den Gletscher wummernden HipHop-Rhythmen, fährt der 19-jährige Schwede auf seinen weißschwarz designten Brettern mit dem Rücken zum Tal auf die Schanze zu, dreht sich nach dem Absprung beim Rückwärtssalto zweimal um die eigene Körperachse und greift mit der rechten Hand an die über seinem Kopf in der Luft gekreuzten Skier. Als sei es die leichteste Übung bei dieser hochalpinen Flugschau auf dem Kapruner Kitzsteinhorn, landet er schlafwandlerisch sicher auf beiden Beinen.

Schon Mitte Oktober hatte Österreichs Skiindustrie auf den Gletscher gebeten, um das Freeskiing, den neuesten Trend des Winters, zu propagieren. Wie es sich im Event-Zeitalter gehört, mit einer lautstarken Show, fetziger Musik und jungen Akteuren in trendig-weiter Pistenrobe. Freeskiing, das ist das Springen über hoch aufgeschobene Schanzen, über steile Felsvorsprünge im Gelände und das schwerelose Schwingen im unberührten Tiefschnee.

Selbstredend, dass man für jede dieser Disziplinen einen anderen Ski braucht: mal vorne und mal hinten breit, mal an beiden Enden aufgebogen. Pate bei der Erfindung des neuen Trendsports standen zum einen die Extremskifahrer, denen schon seit mehr als zwanzig Jahren kein Hang zu steil, kein Sprung zu waghalsig ist. Zum anderen hat man kräftig bei den Snowboardern abgekupfert, deren Sprüngen, deren Mode, deren Sprache, deren Musik. Trendsportmagazine und TV-Kanäle wie MTV und DSF sollen mit den Kunststücken der Zweibrettfreaks nun die Großstadtjugend für die neuen Skier und den Skilauf überhaupt begeistern.

Denn Atomic, Blizzard, Head & Co haben ein gemeinsames Problem: Skifahren gilt bei den Jugendlichen gegenüber dem Snowboarden als uncool und langweilig. Nur noch jeder 100. Deutsche unter 15 Jahren, so das ernüchternde Ergebnis einer Studie, fährt Ski. Und da sich der Bergtourismus in der kalten Jahreszeit vorzugsweise auf der schrägen Ebene abspielt, fürchten nicht nur die Brettlbauer, sondern ganze Ferienregionen entlang des Alpenhauptkamms, dass ihnen die Zielgruppe wegsterben könnte.

Früher hatten viele Kinder ihr erstes Bergerlebnis mit den Eltern im Familienurlaub - und kamen später als Erwachsene zurück. Inzwischen fliegen dreimal so viele Deutsche wie noch Anfang der siebziger Jahre lieber pauschal in die Sonne, ihre Kinder kennen die Alpen nur noch vom Überflug mit dem Charterjet.

Im globalen Tourismusmonopoly geraten die klassischen Individualreiseziele der Alpen ohnehin immer weiter ins Hintertreffen. Denn multinationale Urlaubsriesen wie TUI oder Thomas Cook lassen die Ferienflieger ihrer Konzerne lieber dort landen, wo sie ihre eigenen Hotels füllen können: etwa auf den Balearen und Kanaren, in der Türkei oder der Dominikanischen Republik.

Skirampe vorm Hamburger Rathaus