Woran liegt es, dass eine hoch intelligente, politisch begabte Frau, die in einem entscheidenden Moment auch noch sehr mutig war, so einseitig beurteilt wird, so schnell so tief stürzen konnte in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Machtzirkeln ihrer eigenen Partei?

Da bekommt die CDU am Tiefpunkt ihrer Geschichte fast unverdient schnell die Chance zur Regeneration und ergreift sie nicht. Warum? Wer den schnellen Hinrichtungen der Medien ("Die kann es nicht!") misstraut, schon weil diese sich tatsächlich nicht entblödeten, Angela Merkels Frisur zum nationalen Thema zu machen, dem sei wärmstens die Lektüre des Buches von Evelyn Roll, Reporterin der Süddeutschen Zeitung, empfohlen. Sie hat genau hingeschaut, klug reflektiert und das Ganze obendrein spannend und unterhaltsam aufgeschrieben.

Die zwei Leben der Angela Merkel: aufgewachsen im brandenburgischen Templin, im Kirchenreich des Vaters, wo die Werte des christlichen Abendlandes galten, Glaube, Ethik, Moral, Bildung, Eigenverantwortung. Dazu der Auftrag der Mutter: "Ihr müsst besser sein als alle anderen, sonst lassen sie euch nie studieren." Angela war bei weitem die Beste, ein Mathe- und Sprachgenie. Und sie lernte, sich zu verstellen: Was zu Hause geredet und gelesen wurde, durfte nicht raus. Ihr Pokergesicht, ihr Misstrauen, das auch Wohlgesonnene heute beklagen, haben hier ihren Ursprung. Leben im Wartestand. Acht lange Jahre promovierte die Physikerin vor sich hin an der Berliner Akademie der Wissenschaften, las alles, was ihr in die Finger kam: Politik, Philosophie, Geschichte, Literatur

"Weizsäcker-Reden, Sacharow-Aufsätze, Bahro, Marcuse, Gorbatschow, Popper, Uwe Johnson, die deutschen Klassiker, Bulgakow, alles".

Wunderbar, wie Evelyn Roll einen kleinen Film komponiert, der parallel zu Angela Merkels Nischenjahrzehnt die Ereignisse in der BRD abspult. "Wir haben immer mitgelebt mit der Bundesrepublik", sagt Merkel, "wenn auch aus der Ferne."

Roll spürt den Prägungen, den Kontinuitäten und Brüchen in den zwei Leben nach

dem Politikverständnis der Naturwissenschaftlerin, den darin liegenden Chancen und den Gefahren, dem idealisierten Demokratiebild, das auf dem Beobachterposten hinter der Mauer gewachsen ist und dann während der Debatte um die Vergangenheit von Joschka Fischer zu erstaunlichen, Wessis auf die Palme treibenden Äußerungen führte: "Je länger diese Debatte dauert, umso mehr verstärkt sich mein Eindruck, dass wir wieder einmal die Grundzüge unserer Demokratie miteinander besprechen sollten."