Das Kosovo hat zum zweiten Mal gewählt. Bei den Provinzwahlen am Wochenende haben abermals die Gemäßigten von Ibrahim Rugovas albanischer LDK gesiegt. Fast die Hälfte aller Stimmen entfiel auf sie - und elf Prozent immerhin auf die serbische "Koalition Rückkehr". Die Demokratie hat Wurzeln geschlagen in dem 1999 befreiten Gebiet.

Demokratie? Die Schwierigkeit für die Staatengemeinschaft liegt darin, dass sämtliche albanischen Kosovaren nur eines fordern: Unabhängigkeit für das Kosovo. Dies jedoch will weder die UN-Weltorganisation noch die Europäische Union. Die Protektoratsmächte halten sich weiterhin an die Sicherheitsrats-Resolution 1244, wonach das Kosovo der Souveränität Jugoslawiens (nicht Serbiens) untersteht, unter UN-Aufsicht jedoch "substanzielle Autonomie" genießen soll.

Aber was bedeutet schon "substanzielle Autonomie", wenn die UN-Verwaltung zwar die Wahl eines Präsidenten und die Bildung einer Regierung zulässt, ihnen aber nur eng umgrenzte innenpolitische Rechte einräumt und diese obendrein durch lauter Sonderbestimmungen und Vorbehalte durchlöchert? Da sich die UN sowieso Außenpolitik, Justiz und Finanzen vorbehalten, stellt sich die Frage, wie viel eine dermaßen eingeschränkte Autonomie eigentlich wert ist.

Die Versuchung ist groß, die Frage nach dem endgültigen Status des Kosovo einfach auf die lange Bank zu schieben. Was aber, wenn das neue Parlament in Entschließungsantrag nach Entschließungsantrag die Unabhängigkeit fordert?

Wenn nach dem Vorbild der Leipziger Montagsmärsche von 1989 die Leute Woche für Woche auf die Straße gehen und staatliche Eigenständigkeit verlangen? Wie lange kann die Welt die Forderungen einer Volksgruppe missachten, deren völkerrechtlicher Anspruch auf Selbstbestimmung auf jahrzehntelanger systematischer Verletzung ihrer Menschenrechte gründet?

Auf die Dauer werden sich jugoslawische Souveränität, kosovarische Autonomie und UN-Autokratie nicht miteinander vertragen. Warum also nicht die beiden extremen Optionen ausschließen: sowohl den Wiederanschluss an Serbien als auch die sofortige volle Unabhängigkeit? Warum den Kosovaren nicht eine bedingte Unabhängigkeit gewähren, die ihnen gestattet, in einem international kontrollierten Prozess sich ihre volle Unabhängigkeit zu verdienen: durch Anerkennung der heutigen Grenzen, Gewaltverzicht, Menschenrechtsgarantien für alle Bürger des Kosovo und die Verpflichtung auf regionale Zusammenarbeit, auch mit Serbien?

Nur dann, wenn den Kosovaren die Aussicht auf ihren eigenen Staat eröffnet wird, lässt sich ausschließen, dass es zwischen ihnen und der Staatengemeinschaft - verkörpert in UN und KFor - zu immer stärkeren Spannungen kommt. Theo Sommer