Manchmal beginnt man ja, es selbst zu glauben, das Gerede vom Ende des Jazz.

Wenn wieder einmal Stapel neuer CDs eintreffen, die das Miles Davis Quintett anno 1965 nachbeten oder das Bill Evans Trio von 1960. Wenn die kreativen Originale verstummen oder von der Jazzszene verschwinden. Wenn Ken Burns und Wynton Marsalis jene einst sprühend vitale Musik namens Jazz in Vitrinen sperren, die ihr die Luft abschnüren. Genau dann, wenn man sich solchen düsteren Meditationen hingibt, kommt zum Glück eine Platte, die alle moribunden Spekulationen widerlegt. Eine CD überdies von einer Plattenfirma, der man, ehrlich gesagt, kaum noch mehr zugetraut hatte als die Vermarktung des eigenen Nimbus.

Die Platte heißt Black Stars, das Label Blue Note (Vertrieb: EMI 7243 5 32922-2-5), der Pianist Jason Moran. Daten: 26 Jahre jung, in Houston geboren, seit einigen Jahren in New York zu hören, unter anderem mit Joe Lovano und Greg Osby. Zur musikalischen Intelligenz im Jazz gehören nicht zuletzt zwei Dinge: Wissen, von wem man lernen will

Wissen, mit wem man spielen will. Daran gemessen, darf man Jason Morans IQ hoch ansetzen. Es sind die sperrigen, die unkategorisierbaren Originale des Jazzklaviers, an denen Moran seine Imagination geschult hat: Jaki Byard, Andrew Hill, Randy Weston, Herbie Nichols. Morans Spiel ist von ähnlich perkussiver Insistenz und enzyklopädischer Breite. Vom Stride Piano bis zur rhythmischen HipHop-Allusion ist das ganze Panorama afroamerikanischer Kreativität präsent, doch nicht als gefrorenes Zitat, sondern als lebendige Vokabel.

Man weiß nie, welches Register Moran als nächstes ziehen wird, welche Elemente er in spannungsreichen Kontrast setzen wird. Selten hört man heute Musik, die man ohne Zögern als Jazz bezeichnen möchte und die zugleich strukturelle Intelligenz und physische Energie so zwingend vereint. Mit wem spielen? Mit dem Bassisten Tarus Mateen und dem Schlagzeuger Nasheet Waits hat Jason Moran herausragend reaktionsschnell und autonom agierende Partner gefunden, die den Kompositionen polyrhythmische Tiefe hinzufügen. Alle drei Stimmen haben ihr reiches Eigenleben, und doch fügen sie sich auf wundersame Weise zum Orchester. Dass Moran für Black Stars überdies die verkannte Saxofonlegende Sam Rivers ins Studio geladen hat, macht ihn vollends sympathisch. Dieser junge Mann taugt nicht für den Vitrinen-Jazz, nicht für die PR-Spielchen der Marketing-Strategen. Jason Moran weiß, was er will: Man hört es in jedem Ton.