Nun gilt auch für die rot-grüne Koalition der alte Kalauer: Vorige Woche standen wir am Rande des Abgrunds - jetzt sind wir einen großen Schritt weiter. Beim SPD-Parteitag wurde dem Bundeskanzler die gebotene Rückendeckung zuteil - und vielleicht wird auch der Parteitag der Grünen am Wochenende den schwelenden Aufstand gegen Kanzler und Koalition in sich zusammensacken lassen. Ist dann alles in Ordnung? Für den Kanzler ein Sieg auf ganzer Linie?

Dem wäre dann doch mit Rilke entgegenzuhalten: "Wer spricht von Siegen?

Überstehn ist alles!"

Versucht man einmal, sich die Aufregung nach dem 11. September, um den geplanten Bundeswehreinsatz in Afghanistan und um die Vertrauensfrage für einen Augenblick wegzudenken, so ergibt sich folgendes Bild: Die rot-grüne Koalition in Berlin war ohnedies am Ende - am Ende ihrer Legislaturperiode angekommen. Die beiden Parteitage, die jetzt das Verhältnis zwischen beiden Partnern notdürftig reparieren müssen, waren ursprünglich als Aufbruch ins Wahljahr gedacht. Die Konvente sollten die Kampagne zur Erneuerung des eher verblüffenden Mandats von 1998 in Schwung bringen. Dabei galt als sicher - jedenfalls bis zur Eintrübung der Konjunktur: Die Opposition hat im nächsten September keine Chance gegen die Regierung. Freilich, ein bisschen mehr als das wollten die Regierungsparteien den Wählern schon anbieten. Nun allerdings hat die Koalition ein Schauspiel geboten, das zweifeln lässt, ob wir es überhaupt noch mit richtigen Regierungsparteien zu tun haben - jedenfalls in dieser Kombination.

Kalte Erpressung Diese Zweifel nisten nicht nur in den Köpfen der Zaungäste, sondern auch in der Regierung selbst. Daher die Vertrauensfrage des Kanzlers, daher die Klage vieler Grüner, sie seien mit dieser Frage kalt erpresst worden. Wie will jemand, der an seinem Partner zweifelt, andere von dieser Partnerschaft überzeugen?

Wer diese Zweifel ausräumen will, muss sich zunächst einmal klarmachen, was von jeder Regierung dieser Republik erwartet werden muss. Deutschland, ob es will oder nicht, muss als mittlere Macht und als Zentralmacht in Europa größere Verantwortung für die internationale Sicherheit übernehmen - sonst wird auch die Hoffnung auf Innere Sicherheit, die vom internationalen Terrorismus bedroht ist, zur Chimäre. Die Bundesrepublik muss ihre Wettbewerbsposition in der offenen Weltwirtschaft entschieden verbessern - sonst rutscht sie auch sozial ab. Und sie muss eine tragende Rolle bei der Erweiterung der Europäischen Union übernehmen - sonst isoliert sie sich nach Osten.

In ihrer ersten Legislaturperiode hat die rot-grüne Koalition manches erreicht, vor allem bei der Innenausstattung der Republik: das Staatsbürgerschaftsrecht, die Enttabuisierung des Themas Einwanderung, sogar das Reizthema der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften - drei Aspekte einer nachgeholten Modernisierung. Bedeutsamer noch war, dass diese Koalition, bis jetzt, zwei Herausforderungen von außen tapfer verarbeitet hat, mit der jede Regierung hätte fertig werden müssen. Die eine war die Anpassung an die vom Euro-Regime geforderte strikte Haushaltsdisziplin. Die andere war die Antwort auf die neuen sicherheitspolitischen Zwänge, unter Einschluss der Bundeswehr - bis hin zum Kosovo-Krieg. Noch wichtiger war es, dass dies alles eine rot-grüne Regierung getan hat. Man wagt sich kaum vorzustellen, welchen Zerreißproben das Land, vor allem die SPD ausgesetzt worden wäre, hätte sie dabei in der Opposition verharrt.