Bisher schätzte ich den Autor als klugen Beobachter und Kommentator von Zeiterscheinungen, mit dem ich oft sympathisierte. Doch nun muss ich lesen, wie er - sicher aus bester Absicht - mit Vorurteilen und Klischees ringt und ihnen dabei unterliegt.

Von Auschwitz aus vollzieht der Autor eine für mich nicht nachvollziehbare Wende via Jurek Becker nach Israel. Zunächst wird uns eine unerwartete Erklärung dafür gegeben, warum die Nationalsozialisten die Juden vernichten wollten: "Aus Becker sprach noch oder wieder der Traum der Assimilation, für den sein Volk von meinem fast vernichtet worden ist." Also eines Traumes wegen - und ganz nebenbei schleicht sich "völkisches" Denken ein: Man gehört entweder dem einen oder dem anderen Volk an (obwohl gerade zuvor von Jurek Becker "Jude, Deutscher" gesagt wurde). Juden konnten also nicht sowohl Juden als auch Deutsche sein, zum Beispiel deutsche Juden - wie sonst kann "mein" Volk "sein" Volk (fast) vernichten? Dem mindestens konfusen Satz vom Traum der Assimilation als Ursache für den Mord an den Juden folgt ein nicht weniger missdeutiger: "Und heute wird Israel auch vom jüdischen Nationalismus bedroht." Und warum? Weil man nicht säkulare Demokratie und eine ethnische Staatsreligion zugleich haben könne, lautet die Antwort. Meines Wissens ist Israel kein "Gottesstaat", der die auf seinem Territorium lebenden Andersgläubigen oder Nichtgläubigen verfolgt. Von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit, von der Erinnerung an den mörderischsten modernen Antisemitismus zurück zu den jahrhundertealten christlichen Vorurteilen. Mit drei von ihnen beschäftigt sich Dieckmann, die alle auf eins hinauslaufen: Die Juden sind an ihrer Verfolgung selber schuld. Das erste ist implizit und besagt - gegen alle Erfahrung: Wo keine Juden, da auch kein Antisemitismus, die Ursache des Antisemitismus sei also bei den Juden und nicht bei den Antisemiten zu suchen. Bei Dieckmann liest es sich so: "Ich wurde nie antisemitischen Versuchungen ausgesetzt - wie auch, in einem judenrein gemordeten Land?"

Und weiter: "Was mir immer fremd blieb: der jüdische Glaube an Israel als Gottes auserwähltes Volk." In der Tat ist der Gedanke, Gott habe das Volk Israel auserwählt, mit ihm einen Bund geschlossen, in der Bibel tief verwurzelt. Mit der Aufklärung modifizierten die Juden Westeuropas die Auffassung vom auserwählten Volk und bemühten sich, den religiösen Inhalt in Übereinstimmung mit den Geboten der Vernunft zu bringen (Moses Mendelssohn).

Aus der Auserwähltheit wurde der besondere Auftrag der universellen Weitergabe der göttlichen Botschaft. Vertreter des Reformjudentums wie Abraham Geiger interpretierten das Thema in dieser Tradition und in rationaler Weise, indem sie in der Zerstreuung des Volkes Israel über die Welt den Auftrag sahen, die monotheistische Botschaft den Völkern weiterzugeben. Die von Dieckmann wiedergegebene Lesart hat kaum etwas mit jüdischem Selbstverständnis, dafür umso mehr mit antisemitischen Vorurteilen zu tun, wenn er von "ethnischem Bekenntnis" und "exklusiv jüdischem Glauben" spricht, um die rhetorische Frage zu stellen: "Aber wirkt nicht die Geschichte des christlich verbrämten Nationalismus wie eine Kopie des jüdischen Volkserwählungsglaubens?"

Dr. Vincent von Wroblewsky Berlin

Zu meiner Person: Ich bin als Jüdin vor bald 8 Jahren von Deutschland nach Israel ausgewandert.

Um es überspitzt zu formulieren, mir scheint, dass Sie unter dem Deckmantel einer Auschwitz-Reportage Israel-Kritik betreiben. Sie schreiben: "War nicht das Volk Israels, dem Gott seine Gebote offenbarte, unterwegs nach einem verheißenen Land, in dem aber längst andere Menschen lebten? Hält nicht Israel bis heute fremde Erde und büßt dafür mit Tod und tötet jeden Tag?"