Ein Viertel der 209 deutschen Kunstvereine pflegt alljährlich in der Vorweihnachtszeit den Brauch der Jahresgabe - multiple Werke, gelegentlich auch Originale, die exklusiv von den Mitgliedern erworben werden können. Was bis in die fünfziger Jahre unter den Vereinstreuen verlost und verschenkt wurde, hat inzwischen durchaus seinen - wenn auch weit unter Marktwert liegenden - Preis.

181 Mark kostet dieses Jahr beispielsweise eine von 99 Tapetenrollen nach einem Entwurf von Jean Tinguely in der Kestner Gesellschaft Hannover, 1600 Mark das hauchzarte Kölschgläser-Set aus Nymphenburger Porzellan von Serge Spitzer (Kölnischer Kunstverein), stolze 8019 Mark verlangt der Kunstverein in Hamburg für eine von 20 bronzenen Skelettskulpturen von Stephan Balkenhol.

Von Dresden bis Kiel, München bis Uelzen verbinden die chronisch unterkapitalisierten Kunstvereine mit den Jahresgaben mehreres: die Bindung der Mitglieder an ihr Haus, die Identifikation mit den ausgestellten zeitgenössischen Künstlern, den Anreiz zum Kunstkauf, schließlich die Aufbesserung ihres Etats.

Für den Neuen Sächsischen Kunstverein in Dresden, einstmals von Goethe geleitet und nach dem Mauerfall 1990 neu installiert, ist das jährlich unter einem Motto zusammengefasste künstlerische Angebot die einzige Möglichkeit, das Ausstellungsbudget zu finanzieren. Was man dort in diesem Jahr unter dem Stichwort Engel an unserer Tafel mit 39 Arbeiten herbeiwünscht, hat in Hannover bei der Kestner Gesellschaft schon himmlische Wunder bewirkt: Eine halbe bis ganze Million Mark erwirtschaften die zweimal jährlich angebotenen grafischen Arbeiten und Editionen.

Anfang der achtziger Jahre stellte der Verein die zeit- und finanzaufwändige Eigenproduktion von Auflagenobjekten ein und kooperiert seitdem mit europäischen und US-Editeuren. Das eine oder andere der bundesweit 4400 Mitglieder hat auf diesem Wege über die Jahre eine respektable und im Verhältnis fast geschenkte Tàpies-, Knoebel- Förg- oder Chillida-Kollektion erworben, deren Werke kontinuierlich angeboten werden.

Wer die preislich günstigen Arbeiten unter Renditeaspekten anschafft und wieder veräußert, kommt bei geschicktem Zugriff auch auf seine Kosten. Es ist nicht unbedingt Sinn und Zweck, dass die zumeist durch unentgeltliche Kooperation der Künstler zustande kommenden Jahresgaben in den Handel gehen, "verhindern kann man es aber nicht", so Udo Kittelmann, zurzeit Direktor des Kölnischen Kunstvereins und demnächst Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt.

Die 1981 in Hannover für 1000 Mark angebotene Serigrafie Mick Jagger von Andy Warhol wird heute für rund 20 000 Mark gehandelt, wie Carsten Ahrens von der Kestner Gesellschaft sagt. Sie ziert den Titel des aktuellen Grisebach-Katalogs und kommt am 29. November in der Auktion Kunst der Gegenwart in Berlin unter den Hammer. Als 1994 der Kölnische Kunstverein das erste Multiple von Jason Rhoades, ein Pommes Frites Gewehr, vorstellte, kannte kaum einer den Namen des Künstlers. Zunächst lag es wie Blei im Lager, inzwischen ist es Liebhabern um die 12 000 Mark wert.