Nürnberg Manchmal kommt man an den Punkt, da hilft kein Aussitzvermögen. Gerhard Schröder merkte am Abend vor der ersten Bild-Schlagzeile zum Fall Steiner ("Kanzler, entlassen Sie diesen Mann!"), dass er sich diesem Punkt näherte.

Ein Journalist erzählte, das Massenblatt würde die ominöse "Kaviar-Affäre" am Montag auf der Titelseite bringen. Spontan fragte der Kanzler: "Überm Bruch?"

Das innere Alarmsystem des Medienkanzlers war angesprungen. "Überm Bruch", auf der oberen Hälfte der Titelseite: So ist die Meldung an jedem Kiosk unübersehbar, auch für vorbeieilende Nichtkäufer. Das ist Tagesschau und heute zusammen: die Schmerzschwelle.

Michael Steiner, 51, studierter Jurist, gelernter Diplomat, erfahrener Krisenmanager, unbeirrbarer Workaholic und unberechenbarer Choleriker, muss es ähnlich gesehen haben. Am Montag wollte er noch durchhalten: "Ich habe mich doch entschuldigt." Da war er zerknirscht, kleinlaut, reuig. Ein Steiner, wie man ihn nicht kannte. Zu spät.

Vielleicht hätte er so, wenn er eine Weile durchgehalten hätte, im Amt überlebt. Aber die Liste seiner Fehlleistungen war schon zu lang, die "Arschloch-Affäre" (Spiegel online) vom Moskauer Flughafen eine Eskapade zu viel. Die Mitarbeiter des deutschen Verteidigungsattachés, die Steiner ("ich war zwanzig Stunden auf den Beinen", Alkohol war auch im Spiel) beschimpft hatte, entfalteten als Opfer mit ihrer offiziellen Beschwerde eine Wirkung, die der Dimension des Vorfalls nicht entsprach. Im Miles&More-Hinundher zwischen China, Dschidda, London und Washington eine rüpelhafte Entgleisung: Doch was ist das im Vergleich zur gegenwärtigen Krise?

Aber es hat keinen Falschen getroffen. Der Steiner-"Opfer" sind viele.

Schröder und seine Helfer, die schon manchen Wirbel um Steiner weggedrückt hatten, weil Schröder seinen Außenpolitiker nicht entbehren wollte, sahen mit einem Mal eine neue Unkalkulierbarkeit. Der Mann war zum politischen Risiko geworden. In dieser Situation könnten sich Schleusen öffnen. Dies drohte die Stunde der Rache zu werden für all die Kleinmütigen, die der Hochmütige aus dem Kanzleramt in den drei Jahren im Glanze Schröders erniedrigt und beleidigt hat. Würden die Chauffeure, Amtsdiener, Sekretärinnen, Mitarbeiter, Journalisten, die er angebrüllt, beschimpft, gemaßregelt, belehrt, geärgert hat, jetzt alle auspacken? Welch Stoff für eine Anti-Schröder-Kampagne im Wahljahr!