Im 56. Jahr der Regierungszeit des Kaisers Hirohito beschloss der Bursche aus der Provinz, die Welt zu verbessern. Er hatte Glück gehabt im Leben, war vom Sohn eines armen Druckers zu einem der erfolgreichsten Unternehmer Japans aufgestiegen und fand nun, 1981, dass er dem Rest der Welt etwas schuldig war. Also versprach er, jedes Jahr im November diejenigen zu belohnen, die die Menschheit voranbrächten. Und weil er seit den Tagen, als er zweimal durch die Aufnahmeprüfung für die Highschool fiel, halbe Sachen hasst, ließ er sich nicht lumpen: Je 50 Millionen Yen, eine Million Mark, sollten sein Lohn sein für einen Wissenschaftler, einen Techniker und einen Künstler oder Philosophen. Fast so viel wie der Nobelpreis, und mit dem will sich der Kyoto-Preis auch messen.

Jetzt hatte Kazuo Inamori zum 17. Mal Gelegenheit, der Welt das Ergebnis seiner Weltverbesserung vor Augen zu führen. Denn zur Philosophie des Mannes, der dank unermüdlicher Tüftelei an technischer Keramik aus einer kleinen Klitsche den Weltkonzern Kyocera geformt hat, gehört auch folgende Maxime: Tue nicht nur Gutes, sondern rede auch drüber. Nicht damit er mehr Kopierer, Hüftgelenke, Halbleiter, Fotoapparate und anderes aus der riesigen Produktpalette seiner Firma verkauft. Inamori ist auch nicht einfach der Neureiche, der sich für viel Geld Anerkennung erwerben will. Nein, die Welt soll sich einfach ein Beispiel nehmen an den Geehrten. Und auch ein bisschen an ihm. Deshalb ist die Verleihung des Preises ein opulentes westöstliches Ritual aus japanischer Tradition und internationaler Festaktfolklore, ein formvollendetes Buhlen um die Aufmerksamkeit der Rest- und Westwelt.

Und was sieht die, wenn sie ins novemberliche Kyoto blickt, wo in den Zwergahornen flammend rot die letzten Feuer des Herbstes brennen? Zunächst mal den leicht beschwipsten Bürgermeister der Stadt im schlammgrünen Kimono.

Das Durcheinander von Sake, Bier, Weiß- und Rotwein hat ihn, der traditionsgemäß am Vorabend der Preisverleihung die Laureaten empfängt, ganz schön gebeutelt. Vielleicht hat er aber auch nur Pech gehabt, weil er ausgerechnet neben dem Russen-Clan von Zores Iwanowitsch Alferow zu sitzen kam, einem der drei Preisträger für Hochtechnologie. Der hat sich das Rahmenprogramm des Empfangs, das ungewohnte Gezirp 13-seitiger Harfen und den Gesang älterer Damen offenbar heimelig getrunken und den armen Bürgermeister mitgerissen, nasdarowje. Aber gelegentliche Exzesse bilden ohnehin die Rückseite der steifleinenen japanischen Traditionsverbundenheit, sei es in den Pachinkos, den Spielhöllen, wo man bei hammerlauter Musik keinerlei Form mehr wahren muss, oder eben beim Umtrunk mit obligatorischer Folklore.

Altgediente Kyocera-Mitarbeiter gestehen kichernd, dass sie auch nicht so recht wissen, wovon die Geishas da vorne singen

und manch ein Jüngerer ärgert sich, dass hier ein Image Japans poliert wird, das mit der Realität schon lange nichts mehr zu tun hat.

Wenn es wieder hell wird über Kyoto, schwenkt der Blick der Welt auf ein gewaltiges Ufo, ein Raumschiff vom Planeten Beton, das, nach dem Design zu urteilen, irgendwann in den Siebzigern in den Hügeln nördlich der Stadt gelandet sein muss. Das ist die Kyoto Conference Hall. An dem langen, schleusenartigen Gang, der in ihr Inneres führt, ist die gesamte Besatzung angetreten und nimmt, unablässig freundlich nickend, die Aliens in Empfang, die hier ihre verdiente Würdigung erhalten sollen. Zur Begrüßung wird nach uraltem Zeremoniell mit einer Art Rasierpinsel grüner Tee angerührt, mit dem man, artig auf kleinen Bänken hockend, ein winziges Dreieck süßen Kuchens hinunterspült. So gestärkt, geht es in die Hauptversammlungshalle, auf deren Kommandobrücke beziehungsweise Bühne sich schon der hohe Rat versammelt hat, Vertreter der Kyoto Prize Screening Organization, die die Preisträger ermittelt hat, die Botschafter der fremden Länder, deren Forscher für preiswürdig befunden wurden, die Chefs der Inamori Foundation, die den Preis offiziell vergibt, ihr Präsident und Gründer, Kazuo Inamori, und schließlich die Mitglieder der Kaiserfamilie, Their Imperial Highne sses Prinz und Prinzessin Takamado. Wie in jedem Jahr am 10. November, Punkt 15.30 Uhr, ertönt eine eigens für diese Gelegenheit komponierte Fanfare, eine Art Rundflug-über-Kyoto-Effektmusik, in der die Flöten säuseln wie der Wind im Bambus und die Trompeten schmettern, als sei die Stadt mit ihren 2000 Tempeln und Palästen immer noch der Mittelpunkt des Kaiserreiches, der sie einst war.