Es gibt zwar keine Royal Commissions hierzulande. Aber die Runde jener 17 Forscher, Manager und Funktionäre, die seit April den Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) bildet, ist dem britischen Vorbild durchaus nachempfunden.

Manchen der viel beschäftigten Macher und Denker - darunter der Babynahrungshersteller Claus Hipp, der Wirtschaftsprofessor Wolfgang Franz und der frühere Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) - überzeugte Gerhard Schröder sogar höchstpersönlich, in dem Gremium mitzuwirken. Es soll der Regierung dabei helfen, die Deutschen auf Kurs zu bringen: Nämlich "so zu leben und zu wirtschaften, dass die Lebenschancen zukünftiger Generationen erhalten bleiben", wie der Bundeskanzler bei der Inauguration des Nachhaltigkeitsrates im April meinte.

Nun, mehr als ein halbes Jahr danach, hat der hochmögende Zirkel zum ersten Mal gekreißt und ein 35-seitiges Schriftstück produziert: ein noch internes "Dialogpapier", das vor allem einen ärgern wird - Werner Müller, des Kanzlers Wirtschaftsminister.

Unumwunden spricht sich der Nachhaltigkeitsrat nämlich dafür aus, wogegen sich der parteilose Wirtschaftsminister mit Händen und Füßen wehrt: dass die deutsche Politik sich weitergehende Reduktionsziele für den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) setzt. Bisher hat sich Rot-Grün nur das von der Vorgängerregierung geerbte Ziel zu Eigen gemacht, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2005 gegenüber 1990 um 25 Prozent zu vermindern. Dabei soll es nach Ansicht von Müller auch bleiben. Erst vor kurzem meinte der frühere Strommanager, ein "isoliertes nationales Klimaschutzziel" von minus 40 Prozent bis 2020 könne sogar "kontraproduktiv" sein.

Da ist der Nachhaltigkeitsrat - unmissverständlich - ganz anderer Meinung.

Wörtlich heißt es in dem noch geheimen "Dialogpapier": "Um den Beitrag Deutschlands zur Minderung der Treibhausgase langfristig zu sichern, ist eine klare Festlegung eines weiterführenden Zielkorridors - z.B. für 2010 minus 30 Prozent und für 2020 minus 40 Prozent, jeweils bezogen auf 1990 - und eines entsprechenden Monitoring notwendig, damit Fehlentwicklungen frühzeitig entgegengewirkt werden kann." Womöglich muss sich Rot-Grün also bald entscheiden, wessen Rat ihnen wichtiger ist - der des Wirtschaftsministers oder der des Nachhaltigkeitsrates unter dem Vorsitz von Volker Hauff, Minister in der Ära Helmut Schmidt und heute Vorstandsmitglied der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

Das CO2-Ziel bleibt freilich nicht der einzige Kollisionspunkt zwischen den vom Kanzler erwarteten "innovativen Vorschlägen" des Rates und der Realität rot-grüner Politik: Hauff & Co fordern "eine sozialverträglich gestaltete Abschaffung der Steinkohlesubventionen bis zum Jahr 2010" - Müller kämpft für den langfristigen Erhalt dieser Wohltat. Und während Müller sich mit seiner Energiesparverordnung brüstet, kritisiert die der Rat mit den Worten: "Die neue Energiesparverordnung vernachlässigt das riesige Potenzial im Altbaubereich."