Es war in diesen Wochen viel von "Zivilcourage" und ihrem Gegenteil die Rede, von der "Feigheit vor dem Freund" (USA). Wer ein wahrer Freund der USA sei, müsse ihnen freimütig sagen, dass sie auf dem falschen Wege seien.

An solchen freimütigen deutschen Freunden der USA hat es wahrlich nicht gefehlt. Aber gehörte Mut zu diesen Stellungnahmen? Mit der Zivilcourage ist es so eine Sache. Aller Erfahrung nach tritt sie nicht in Heerscharen und nicht in Sammelanzeigen auf. Tatsächlich war es ein Riesenchor von Prominenten, der den USA die Leviten las und den "Bombenterror" in Afghanistan verurteilte. Erinnert man sich einer einzigen namhaften Stimme aus diesem Chor, die gute Gründe für die Militärschläge der USA und den "Kriegskurs" des Kanzlers geltend gemacht hätte? Nein, den Mut-Bonus können die Kriegsgegner unter den Intellektuellen nicht in Anspruch nehmen, eher einen erstaunlich störungsfreien Konsens. Pasolinis Devise, dass man gerade auch Opposition gegen die Opposition üben müsse, scheint nicht populär zu sein. Mehrheiten können selbstverständlich Recht haben, und der Hinweis, dass nicht viel dazu gehört, den bewährten Gruppenkonsens zu aktivieren, spricht nicht gegen ihn. Aber bewährt er sich denn, hat er sich bewährt?

Ich teile durchaus einige Argumente und Gefühle der Kriegsgegner. Natürlich hätte man sich als Reaktion auf das Attentat statt einer Bomberflotte die Entsendung von einigen Dutzend James Bonds gewünscht - wenn sie in der Wirklichkeit nur halb so erfolgreich agieren könnten wie im Film. Genauso wenig wie Walter Jens oder Hans-Christian Ströbele kann ich mich mit dem Einsatz von barbarischen, international geächteten Waffen wie Streubomben oder 7000 Kilogramm schweren BLU-Bomben abfinden. Und ich kann nicht rechtfertigen, dass auch nur ein einziger "unschuldiger Zivilist" bei diesen Angriffen zu Tode kommt - füge nur an, dass die rituelle Rede von den "unschuldigen Zivilisten" einen Euphemismus darstellt, denn die zum Wehrdienst gepressten Kinder und Halbwüchsigen Afghanistans sind nicht schuldiger als die Zivilisten.

Aber anders als die Kriegsgegner kann ich mich aus dem moralischen Konflikt nicht einfach verabschieden, indem ich dem Pentagon und dem Rest der Welt zurufe, dass mit Krieg noch kein Problem gelöst worden sei. Ich fürchte, eher das Gegenteil ist wahr. Gewaltbesessene Diktaturen, menschenverachtende Tyranneien, Terrorregime sind nicht immer, aber meistens nur durch militärische Gewalt bezwungen worden. Und es ist seltsam, dass ausgerechnet die Deutschen, die vor nicht allzu langer Zeit den schlimmsten Beweis für diesen Satz geliefert haben, den Rest der Welt nun Mores im Umgang mit Gewaltherrschern lehren wollen. Woher die Besserwisserei? Woher das anklägerische Tremolo, das in den meisten der in stern und Spiegel und anderswo veröffentlichten Statements zu hören ist? Es sind wenige, die wie Jürgen Flimm, F. C. Delius oder - satzweise - auch Martin Walser ihre Zweifel in der Frageform belassen. Die Mehrheit trägt ihr Votum im Trompetenton der Belehrung vor, und dreht die Bush-Formel nur einfach um: Wir, die Guten gegen Schröder, Fischer, Bush und das Böse in der Welt. Ein schwer zu ertragender Tonfall von moralischer Überlegenheit herrscht vor.

Seltsam ist auch: Die meisten Argumente gegen den Krieg in Afghanistan kenne ich seit vierzig Jahren. Man kann und konnte sie, ohne näher hinzuschauen, gegen jeden Krieg, an dem die USA je beteiligt waren, vorbringen, einschließlich des Krieges gegen den Hitler. "Es geht vor allem um die Sicherung von Rohstoffen und um Militärbasen der USA und der übrigen westlichen Welt" (Franz Josef Degenhardt). "Wer jetzt, aus einer fast schon pathologischen Solidarität heraus, keinen Stopp fordert, gerät in den Verdacht, sich wieder mal nur der wertvollen Ressourcen und Wiederaufbauprofite als Global Player bemächtigen zu wollen" (Konstantin Wecker). "Ich bin gegen diesen Krieg, weil es nicht gerechtfertig werden kann, dass man, um einen Terroristen zu fangen, ein ganzes Volk zerstört" (Ottfried Fischer).

Um nur auf Ottfried Fischers guten Ratschlag einzugehen: Meint er wirklich, dass er dem Pentagon mit dem Hinweis, dass man mit einer Bombenflotte keine Terroristen fangen kann, etwas Neues sagt? Könnte es nicht sein, dass sie ebenfalls zu dieser umwerfenden Erkenntnis gelangt sind, allerdings den Schluss gezogen haben, dass man erst die Infrastruktur und die Frontstellungen der Taliban zerstören muss, bevor man die von ihnen gedeckten Terroristen stellen kann?

Die meisten Äußerungen unterstellen, dass die USA und ihre Alliierten nicht etwa die Taliban und das Netz bin Ladens, sondern willentlich das Volk von Afghanistan bombardieren. "Wer ein Volk als Geisel nimmt, um seine Interessen durchzusetzen, ist ein Kriegsverbrecher", schäumt Franz Xaver Kroetz. Alice Schwarzer spricht von "Bombardements auf die hungernde Bevölkerung". "Dieser Krieg trifft nur unschuldige Zivilisten", weiß Thomas Ostermeier.