Knallblauer Himmel, Sonne über Ungarn, Kaiserwetter. Und wer fährt da auf knirschenden Reifen vor dem Schloss von Fertöd vor, auf den Touristenparkplatz mit der Imkerbude und den T-Shirt-Händlern, auf dem die Wochenendausflügler kaum noch eine Lücke lassen? Hochgeborener Herr Péter Graf Esterházy, Freiherr von Galantha, Erbgraf zu Forchenstein, Herr auf Czákvár und Gesztes. Er lässt die Autotür ins Schloss fallen und die Zentralverriegelung zrak machen. Er hat die Fernbedienung im Griff, auch wenn es sich um einen gemieteten Wagen handelt, einen Ford Mondeo - - klingt schrecklich, fährt aber ganz ordentlich, und was anderes hatte der Verleih am Budapester Flughafen auch gar nicht da.

Das Auto hat der Begleiter des Hochgeborenen Herrn angemietet. Ich sage "Herr Esterházy" zu meinem Fahrer, was anderes würde der auch gar nicht zulassen, es sei denn "Péter" vielleicht, irgendwann, aber wir sind uns grade erst begegnet, und ich bin voller Ehrfurcht, denn er ist der Mann, der die europäische Literatur vom ungarischen Rand her fortzuschreiben versucht, der Arno Schmidt des Ostens, der Umberto Eco Ungarns, ein Osterhase der Intertextualität, wie die Literaten das Verstecken fremder Texte in eigenen nennen.

Esterházy hat Harmonia Cælestis geschrieben, den Number-one-Bestseller in seinem Heimatland noch vor den Harry Pottern, der sich 70 000-mal verkaufte (bei zehn Millionen Einwohnern) und der seit zwei Monaten auf Deutsch raus ist, zwei Auflagen sind schon weg unter dem Applaus der Kritiker, Focus ortete "Wirbelstürme der Begeisterung".

Und bevor wir nun den Parkplatz von Fertöd mit dem Honig und den Leibchen hinter uns lassen und zum Schloss rübergehen, dem ungarischen Versailles, nur noch dieses zur Einstimmung und Vorbereitung für den, der Harmonia Cælestis vielleicht nicht gelesen hat: In der Fantasie der Ungarn bedeutete der Name Esterházy all das, was das Leben schon auf Erden zum Himmelreich machen kann - Ländereien von einer Ausdehnung, die nicht einmal die Wildgänse in einer Nacht zu überqueren vermögen! Er bedeutete Schlösser mit beflaggt-bebuschten Türmen, die ihr Spiegelbild vor Langeweile im See betrachteten, denn ihr Herr fand keine Muße, sie zu besuchen. Straßenweise Paläste, in denen sich allenfalls der Pförtner einen Bart wachsen ließ ... Dreihundert glorreiche Jahre! Und dann kam 1919, die Räterepublik mit 133 Tagen Arbeiterund-Bauern-Aufstand, das ging grad noch gut, und dann kam 1948, die Enteignung, das ging nicht mehr gut, und die Familie, die alles besaß, besaß plötzlich nichts mehr. Péter Esterházy wurde 1950 geboren. Er hat nur seine Familiengeschichte geerbt. Die hat er dann aufgeschrieben, zehn Jahre lang, 920 Seiten lang.

Spätbarocke Pracht in Ocker, Graf Péter zeigt keine Gefühle Jetzt geht er knirschenden Schrittes (Kiesweg) auf das Schloss zu, eine spätbarocke Pracht in Ocker, der Eintritt ist nicht frei, sondern kostet ein paar hundert Forint. Gleich ist Führung, im spätsozialistisch möblierten Wartesaal haben sich ein paar Dutzend Leute eingefunden Familien mit Kindern, in Windjacken, Turnschuhen, irgendwas kauend. Sie ziehen sich Filzlatschen an, um das Parkett zu schonen. Mitten unter ihnen: der leibhaftige Esterházy. Eine Frau erkennt ihn, weil das ungarische Fernsehen sein Bild bis in den letzten Winkel ausgestrahlt hat: Jeans und Sakko, rundes, schelmisches Gesicht, schulterlange Mähne, die über dem Verfassen von Harmonia Cælestis grau geworden ist.

"Welche Gefühle haben Sie hier?" fragt die Frau. - "Ich habe keine Gefühle", sagt er. "Ich begleite nur meinen deutschen Freund." Mir murmelt er auf Deutsch zu: "Dass dieses mal Ihnen gehören wird, ist nicht viel weniger wahrscheinlich, als dass es mal mir gehören wird."

Wir Bürger.