Die PDS-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke hat eine 34jährige Tochter, aber sie kennt sie erst seit zwölf Jahren. Als Ulla Jelpke nach einer Vergewaltigung mit 16 Jahren ihr Kind zur Welt brachte, wusste sie sich keinen anderen Rat, als die Tochter zur Adoption freizugeben. Damals konnte Jelpke sich nicht vorstellen, dass sie ihr Kind jemals wiedersehen wollte.

Doch später erlebte sie, was viele Mütter erleben, die ihre Kinder adoptieren lassen. Sie fing an, nach ihrer Tochter zu suchen. Nach 22 Jahren wandte sie sich in einem Zeitschriftenartikel an die Öffentlichkeit und bat ihre Tochter, sich zu melden. Da es sich um eine so genannte Inkognito-Adoption handelte - hier kennen nur die Adoptiveltern den Namen der leiblichen Mutter -, konnte die Familie Kontakt mit Jelpke aufnehmen. Mutter und Tochter kamen wieder zusammen. "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis", sagt die Politikerin heute.

Jelpke ist froh, dass die Gesetze damals nicht erlaubten, ihre Tochter anonym zur Adoption freizugeben. "So verzweifelt, wie ich damals war, hätte ich wohl davon Gebrauch gemacht." Dann hätte sie später kaum eine Chance gehabt, ihre Tochter zu finden.

Heute sind selbst die teilweise anonymen Inkognito-Adoptionen selten geworden. Im Lauf der Jahre hat sich herausgestellt, dass größtmögliche Offenheit das Beste für alle Beteiligten ist. Wenn alle voneinander wissen, können Kinder am ehesten verarbeiten, dass sie zwei Elternpaare haben.

Mit dieser Offenheit könnte es bald vorbei sein. Mancherorts in Deutschland haben Frauen neuerdings die Möglichkeit, wenn sie in einer Notlage sind, anonym zu gebären. Mehrere Krankenhäuser werben - von den Behörden geduldet - bereits damit, dass Frauen ihr Kind medizinisch betreut zur Welt bringen können, ohne ihren Namen nennen zu müssen. Bislang hatten die Frauen höchstens die Chance, ihr Kind unter Angabe falscher Daten zur Welt bringen und dann zu verschwinden. Offiziell nämlich sind Ärzte und Hebammen nach dem Personenstandsgesetz verpflichtet, die Personalien der Mutter zu melden.

Eine große Koalition im Bundestag möchte die Regelung nun ändern und eine anonyme Geburt im Krankenhaus gesetzlich erlauben. Die Bemühungen sind eine Reaktion auf das "Babyklappenfieber" im Land. Seit der Hamburger Jugendhilfeverein Sternipark vor anderthalb Jahren die erste deutsche Babyklappe eröffnete, erlebt diese Einrichtung aus dem Mittelalter eine Renaissance. Schon 32 "Babyfenster", "Mosesnester" und "Lebenspforten" wurden bislang eingerichtet. Mütter können ihr Neugeborenes dort unerkannt in ein Wärmebett legen. Daraufhin wird ein Alarm ausgelöst, der die Helfer herbeiruft. Acht Wochen bleibt das ausgesetzte Baby in einer Pflegefamilie.

Falls die Mutter sich in diesem Zeitraum nicht mehr meldet, wird die Adoption eingeleitet. Die Babyklappen sollen verhindern, dass Frauen in Not ihr Neugeborenes aussetzen oder in Panik gar töten. Stolz meldete Sternipark, dass im ersten Jahr sechs Findelbabys abgegeben wurden.