Politiker, so klagen Wissenschaftler, sind in der Regel beratungsresistent.

Und wenn sie sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse einlassen, dann nur, wenn sie ihnen in den Kram passen. Wissenschaftler, so halten die Politiker dagegen, befassen sich zu wenig mit der Realität und formulieren ihre Forschungsergebnisse in einer wenig verständlichen Sprache. Ob man da nicht eine Brücke schlagen kann? Das Bundesfinanzministerium hielt den Versuch für lohnend und gab beim DIW in Berlin eine Studie in Auftrag, die einen Überblick über den aktuellen Erkenntnisstand in den Wirtschaftswissenschaften bieten sollte und Hinweise darauf, wie diese Erkenntnisse für die Politikberatung besser genutzt werden können.

An die 20 Autoren lieferten mehr als 500 Seiten mit dem Titel Neue Entwicklungen in der Wirtschaftswissenschaft ab. Das ist zunächst eine eindrucksvolle Bestandsaufnahme. Neue Bereiche haben sich zum traditionellen Wissenskanon hinzugesellt. Die Neue Institutionenökonomik, kurz NIÖ, zum Beispiel. Institutionen, so der Ausgangspunkt, sind bedeutend und einer ökonomischen Betrachtung zugänglich. So werden etwa Verträge zwischen Individuen zum Gegenstand mikroökonomischer Analyse: Transaktionskosten entstehen durch Koordinierungsbedarf zwischen den Vertragspartnern - und schon sind die NIÖ-Jünger mittendrin in der Analyse der Wettbewerbs- und Regulierungspolitik.

Oder die Netzwerkökonomie. Nicht mehr große Produktionseinheiten und Skalenerträge treiben die Wirtschaft an, sondern die Netzwerkeffekte der Informationsindustrien. Netzwerke sind Gegenstand von Lizenzvergabe, Standardisierung und Regulierung, und überall hat der Staat seine Finger im Spiel.

Aber was können die Politiker als Zielfiguren der Beratung aus der Lektüre lernen? Im "Modul" Arbeitsökonomie erfahren sie mit nahezu enzyklopädischer Vollständigkeit alles, was an Konzepten auf dem Markt ist. Sie finden Erkenntnisse der Finanzwissenschaft zu Arbeitslosigkeit, Alterssicherung, Besteuerung von Kapitalerträgen. Mit der Darstellung von Methoden zur Messung der personellen Einkommensverteilung (und konkreten Ergebnissen) wartet ein Kapitel auf. Doch wer kein spezifisches Interesse an der Wissenschaft von der Ökonomie hat, dem wird die Lektüre höchstens partiell nützlich erscheinen.

"Es ist ein Gemeinplatz, dass gute Wirtschaftspolitik immer auch auf einer guten Theorie basiert", behaupten die beiden DIW-Professoren Klaus F.

Zimmermann und Gert G. Wagner. Aus ihrer Sicht mag das stimmen. Aber auch sie klagen, dass der Graben zwischen Wissenschaft und politischer Praxis gewaltig bleibt. Und wenn es zu konkreter Politikberatung kommt, so die Autoren des Kapitels über Geldtheorie und -politik, dann "stützt sich diese in der Regel auf ökonomische Modelle, die im Rahmen der modernen Forschung längst auf Ablehnung gestoßen sind".