Mit 60 träume ich vielleicht anders als mit 16, das mag sein. Damals, vor 42 Jahren, dachte ich nicht im Traum daran, wie es wäre, ein Wesen an der Seite zu haben, das wie ein Chronist auf jene Reisen geht, die man schon längst hinter sich gelassen hat oder selbst nie erlebt. Ich nenne es: Blik.

Was ist ein Blik? Ein Traumwesen, ein Fabelgeschöpf, ein Gnom, der alles sieht, aber nichts verändern kann. Ein Sinnbild meiner selbst, das alles über mich weiß, meine Schwächen kennt, meine Stärken, meine Obsessionen.

Blik ist mein Alter Ego, mein Korrespondent, der in meinem Traum von Tisch zu Tisch, von Uhrzeiger zu Uhrzeiger, von Straßenkreuzung zu Straßenkreuzung fliegt. Ein armes Geschöpf im Grunde, das alles weiß, alles sieht, aber zum Eingreifen die Macht nicht hat.

Ich lese Ringelnatz, irgendwo auf einer Bühne. Irgendwo sitzen Menschen vor mir, die zuhören und von denen ich nicht weiß, ob sie mich mögen oder Ringelnatz - oder uns beide.

Zeit, den Blik herauszulassen, der mir sagen soll, wie ich grad aussehe, da vorne auf der Bühne.

Ich beginne zu lesen.

Überall ist Wunderland,
überall ist Leben,
bei meiner Tante im Strumpfenband,

wie irgendwo daneben ...

Ich höre Blik kichern. Mehrmals schlägt er seine kleinen Flügel zusammen - denn er gleicht einem Elfen, der nach vorne fliegt und nach allen Seiten staunt. Ich sehe sehr viele Falten in deinem Gesicht. Und ich höre, wie die Menschen über dich tuscheln und raunen ...

Doch worüber? Und ich lese weiter Ringelnatz:

Überall ist Dunkelheit,
Kinder werden Väter,
fünf Minuten später,
stirbt sich was für einige Zeit,
Überall ist Ewigkeit ...

Prügel. Wüste Schläge. Blaue Augen, Blut. Ein Junge, zwei Köpfe größer als ich, haut mir auf den Kopf. Er ist der Albtraum meiner Schulzeit. Ich suche Hilfe bei meinem Vater.

Ich bin 10 Jahre alt. Er stellt den Jungen, packt ihn am Kragen und boxt ihm auf die Nase. Lass Otto in Frieden!, schreit er. - Du! Du! Du!, ruft der Blik, der auf den Jungen und meinen Vater sieht wie ein verängstigtes Tier.

Dann fliegt er weiter, sieht mich, wie ich einen Kalender in einem Kaufhaus stehle. Er ist in Gold eingefasst und hat mich deshalb gereizt. Ich werde erwischt.