Paul Föhn: Ja, ich war ein paar Tage zum Helikopter-Skiing in Kanada.

Zeit: Und?

Föhn: Super, wirklich super. Allein die Masse! Es schneit dort häufiger und intensiver und zwar lockeren Schnee. Der entsteht bei relativ kalten Temperaturen. Die gibt es in den Rocky Mountains öfter als bei uns wegen der arktischen Hochs, die ihre Kaltluft in den Süden schicken. Während es schneit, ist es zwar immer etwas wärmer - auch in den Rockies - aber danach kühlt es dort sofort wieder ab. Dazu kommt eine sehr geringe Luftfeuchtigkeit. Der Schnee wird nicht so klebrig wie bei uns. Hier bestimmt der Atlantik das Klima. Er bringt die Feuchtigkeit, und die Luft ist nur mäßig feucht-kalt und selten richtig kalt.

Wenn der Schnee gefallen ist, friert er bei tiefen Temperaturen teilweise wieder aus, verwandelt sich leicht und ist dann lockerer als bei uns. Er hat weniger Verbindungen an den Kanten als vorher, wenn er noch feuchter ist und eher klebt.

Zeit: Was unterscheidet denn so eine amerikanische Champagner-Flocke von der ordinären Alpen-Flocke?

Föhn: Wenn die Flocken vom Himmel fallen, unterscheiden sie sich kaum. Wir haben weltweit einheitliche Schneeklassifikationen, und die Kanadier und Amerikaner verwenden die gleichen Klassifikationen für ihre Flocken wie wir. Sie haben noch nie Anstalten gemacht, andere Kategorien für ihre Neuschneeteilchen zu finden - weder für deren Größe noch für deren Form. Es sind dieselben Grundformen, die man auch bei uns findet: verzweigte Sternchen, Blättchen, Stäbchen.

Zeit: Wo findet man die Bedingungen für champagne powder besonders häufig?

Föhn: Die finden Sie überall in den inneren Tälern der Rocky Mountains: in den USA in Montana oder in Kanada von British Columbia bis Alberta, also von Kamloops über Kicking Horse Pass bis Calgary. In Kanada fällt dieser Schnee natürlich auch von British Columbia hinauf bis Alaska.

Zeit: Treffen diese Bedingungen eigentlich tatsächlich so häufig zu, wie es heißt? Oder ist champagne powder so selten wie in den Alpen guter Tiefschnee?

Föhn: Nein, es ist schon so, wie man sagt. Bereits im November, Dezember, wenn die Schneefälle einsetzen, hat man häufig relativ viel Neuschnee. Bei Kälte sind die Verhältnisse recht gut. Ich war selbst zu dieser Zeit dort. Von anderen habe ich allerdings gehört, der beste Monat sei der Februar. Dann erst setzen die Großschneefälle richtig ein - auch wenn die jüngst nicht immer so groß gewesen sein sollen wie in der Vergangenheit. Im März kommt dann die Sonne stärker raus und es wird wärmer. Die Kristalle schmelzen schneller und auch die Amerikaner haben dann eher Frühlingsschnee als fluffy snow.

Zeit: Stimmt es, dass es in den Rockies vor allem nachts schneit, so dass tagsüber die Sonne scheint?

Föhn: Ich glaube nicht, dass es bei diesem Phänomen einen großen Unterschied zwischen den Rocky Mountains und den Alpen gibt. In der Nacht ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schnee fällt, grundsätzlich höher, weil die Temperaturen absinken und die Kondensation gefördert wird. Doch dieser Effekt ist nicht besonders stark. Wenn ein Tiefdruckgebiet - egal ob bei uns oder in Amerika -, Feuchtigkeit heranführt, spielt es kaum eine Rolle, ob es das tags oder nachts tut. Höchstens auf kleinere Tiefdruckgebiete, die nur einige Zentimeter bringen, kann sich der Tag- und Nachtunterschied auswirken: Tagsüber verdunstet die Feuchtigkeit eher. Die nächtliche Abkühlung könnte dann bei solchen Lagen zu etwas Schneefall führen.

Zeit: Warum ist Skifahren in den Alpen auch ohne 'champagne snow' so schön?

Föhn: Also zunächst haben wir natürlich auch solch lockeren Schnee - wenn die Tiefdruckgebiete nicht gerade vom Atlantik her kommen und nur mäßig kalt sind, sondern aus dem Norden. Diese Tiefs bringen zwar weniger Schnee, aber immerhin 'fluffy powder', der schön fliegt.

Skifahren in den USA oder Kanada ist auch eine Frage des Geldes. Und der Erschließung. Wintersport in den Alpen bedeutet ja nicht nur wildes Skifahren im Gebirge, sondern ist mit allen Bequemlichkeiten und Nettigkeiten verbunden: Cafés, Après-Ski, Theater in den Kurorten. So etwas findet man in Amerika definitiv seltener. Beim 'fluffy powder skiing' werden die Leute per Auto und dann per Helikopter in entlegene Lodges gebracht, wo sie eine Woche lang eingeschlossen bleiben. Da kommt es schon sehr auf die Gesellschaft an, in der Sie sich befinden.