Am Schluss war die Eile groß. Mehr als drei Jahre hatte Spanien über ein neues Hochschulgesetz debattiert. Als der Entwurf den Parlamentariern schließlich vorlag, peitschten die Abgeordneten der konservativen regierenden Volkspartei das Paket in einer Dauersitzung von 17 Stunden Länge durch den zuständigen Ausschuss - und fegten alle 800 Änderungsanträge der Opposition vom Tisch. "So etwas hat es in unserem Parlament noch nie gegeben", klagte die sozialistische Abgeordnete Carmen Chacón. Die Reaktion an den Hochschulen ließ nicht lange auf sich warten: Seit zwei Wochen rufen die Studenten einen Streiktag nach dem anderen aus, die Professoren protestieren, die Universitäten drohen mit Boykott.

Die Parallele zur deutschen Hochschuldebatte verblüfft. Hier wie dort bezweifelt niemand den Reformbedarf. Doch auf die Frage, wie die Defizite in Lehre und Forschung zu beheben seien, gibt es so viele Antworten wie beteiligte Interessenvertreter. Einige Jahre haben die Wissenschaftsminister den endlosen Debatten in ihren Hochschulen zugesehen. Dann haben sie eigene Vorstellungen zu Papier gebracht, in Deutschland den Juniorprofessor und die leistungsgerechte Bezahlung erfunden und in Spanien ein verschärftes Abitur und die zentrale Qualifikationsprüfung für Professoren. Was beide Länder eint: Von den Neuerungen Betroffene sind in beiden Ländern in der Mehrzahl dagegen.

"Das neue Gesetz wird manches schlechter machen", sagt Raúl Villar, Rektor der Autonomen Universität in Madrid und Unterstützer der Protestaktionen, "aber noch viel schlimmer ist, dass es nichts besser machen wird." Und besser muss vieles werden an Spaniens altehrwürdigen Universitäten. Zwar ist der Anteil der Studenten an der Bevölkerung außer in Finnland nirgendwo in Europa so hoch wie in Spanien. Prozentual besuchen fast doppelt so viele Spanier wie Deutsche eine Hochschule. Doch gleichzeitig wird fast nirgendwo so wenig Geld für die Hochschulbildung ausgegeben. Nur 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind es gegenüber einem Durchschnitt von 1,5 Prozent in den westlichen Industrieländern.

Die häufigste Klage gilt denn auch der "Vermassung". Praxisnahe Veranstaltungen oder gar eine individuelle Betreuung der Studenten gibt es kaum, gelernt wird so, wie es am billigsten ist: in Massenvorlesungen an Massenunis. Die größte von ihnen, die Universidad Complutense in Madrid, ist mit ihren fast 120 000 Studenten und 6000 Professoren schon längst nicht mehr zu verwalten. Da ein duales System der Berufsausbildung nicht existiert, studieren in Spanien selbst Optiker, Physiotherapeuten und Krankenschwestern an der Universität - und kommen zwar theoretisch gebildet, praktisch aber weitgehend unerfahren in den Beruf. Wenn sie es denn überhaupt je schaffen.

Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent ist ein Studium in Spanien oft nur eine Warteschleife vor der Arbeitslosigkeit.

In den Veranstaltungen wird nicht diskutiert oder kritisiert, sondern mitgeschrieben und auswendig gelernt. Wer Geld hat und Zeit sparen will, besucht die Vorlesungen nicht selbst, sondern kauft die Mitschrift für rund hundert Mark bei einem Kommilitonen. "Spanische Studenten lernen, um die Prüfung zu bestehen", sagt Gisela Rumold, die seit vier Jahren als DAAD-Lektorin an der Madrider Universidad Autónoma lehrt. Ist die geschafft, darf der Stoff wieder vergessen werden, um im Kopf Platz zu schaffen für die nächsten auswendig gelernten Lektionen.

In aller Deutlichkeit ist das Elend des spanischen Hochschulsystems seit Mitte vergangenen Jahres in dem 500 Seiten starken Bericht Universidad 2000 nachzulesen. Im Auftrag der spanischen Hochschulrektorenkonferenz hatte eine Kommission unter Vorsitz des international erfahrenen Ökonomen Josep Maria Bricall nicht nur eine bestechende Analyse, sondern auch eine ganze Reihe von Reformvorschlägen präsentiert. Dazu gehörten vor allem eine Erhöhung der Mittel für Forschung und Lehre sowie drastische Neuerungen zur Förderung der Leistungsbereitschaft und Mobilität von Professoren und Studenten. Noch immer studieren Spanier fast ausschließlich am Wohnort ihrer Eltern