Geräusche existieren in jeder Musik. Sie sind für die Musik, was Sexualität für die Menschheit ist: unentbehrlich für die Existenz, aber es ist unmanierlich, daran zu erinnern" - Henry Cowell, 1929.

Die Emanzipation der Geräusche - jener Klänge, die all die Jahrhunderte zuvor mühsam aus der Musik herauspoliert wurden - ist das eigentliche Verdienst der amerikanischen Sondermoderne, deren Patron und Katalysator Henry Cowell war.

Seinem kompositorischen Wahlvater Charles Ives widmete er eine Biografie, seinem Ziehsohn John Cage wies er den Weg zum präparierten Klavier, und dem gleich alten Edgard Varèse druckte er die ersten Partituren. Wer seine Biografie schriebe, der hätte einiges zu erzählen, müsste die Spur durch die ganze Welt aufnehmen, um den Erfinder, Verleger, Veranstalter, Musikethnologen, Pianisten in eigener Sache und Musikkritiker in seiner Rastlosigkeit einzuholen. Nebenbei würde das Bild einer Gesellschaft beim Aufbruch in die Zivilisation erkennbar, aus einer Zeit, als man in Amerika wegen Homosexualität noch mehrjährige Gefängnisstrafen verbüßte (was allerdings immer noch humaner war als die Konzentrationslager andernorts).

Cowell hat unendlich viel geschrieben, wobei man (ähnlich wie bei George Antheil) nicht alles kaufen sollte, was seinen Namen trägt. Für die Moderne relevant ist eigentlich nur ein vergleichbar kleines, frühes OEuvre, eine Hand voll Klavierstücke, in denen er durch experimentelle Spieltechniken Geräusche erzeugt. Dabei hat er die cluster erfunden, jene Tontrauben, die entstehen, wenn ein Pianist mit Faustbreite oder Unterarmlänge alle Tasten gleichzeitig anschlägt, die er erreichen kann. In Tides of Manaunaun (1917) lässt Cowell mit dieser Technik klangmalerisch die Tastenmassen wogen. Manaunaun ist nach einer irischen Legende der Gott der Bewegung, der schreckliche Fluten durch das Universum treibt, um die Partikel frisch zu halten bis zu der Zeit, da die Götter Sterne, Welten und Meere aus ihnen machen werden. Und eben dieses Fluten ist mittels der Cluster-Technik schaurig-schön klangmalerisch zu Ohren gebracht, man höre Stefan Litwin auf der CD American Piano Concerts (col legno CD20064).

So experimentierfreudig und open-minded Cowell in den zehner und zwanziger Jahren war, in den Dreißigern vollzieht er den Salto mortale vom ultramodernist (so nannte sich die amerikanische Avantgarde) zum neo-primitive, der den Wunsch hat, "useful music" zu schreiben. Das deutet sich in der Orchestrierung des Manaunaun in den Four Irish Tales (hier mit dem RSO Saarbrücken, Leitung Michael Stern) bereits an, wird dann vollends simplizistisch in seinem Concerto Piccolo (1965), wo er seine frühen Geräuschfunde noch einmal zusammenfasst und dabei gnadenlos verkitscht. Das ist tragisch in etwa derselben Art, als würde jemand eine Zeitmaschine erfinden und in die Vergangenheit reisen, um dort einzukaufen - weil damals ja alles billiger war.