Seit einiger Zeit begleite ich die Neuauflage der Werke Georges Simenons mit begeisterten Rezensionen. Ich wollte dabei eine Pause einlegen, unterbreche sie aber, weil auf der Rückseite von Simenons Sonntag, erschienen bei Diogenes, ein provozierender Satz steht. Nein, nicht diese bekannte Mitteilung, dass Simenon der "meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, mit einem Wort, der erfolgreichste Schriftsteller des Jahrhunderts" sei.

Reine Werbung ist niemals aussagekräftig. Ich meine einen Satz von Walter Kempowski: "Georges Simenon saugte Leben in sich hinein, um es in seinen Werken hernach stückchenweise von sich zu geben."

Es ist die Einverleibungsmetapher, über die ich nachdenke. Einer saugt Leben auf und gibt es schreibend, "in seinen Werken", von sich. Selbstverständlich "hernach", denn davor spielt sich bei einem Schriftsteller nichts Nennenswertes ab. Wo aber war Leben in der Zwischenzeit? Wurde es zwischen Saugen und Wiedergeben verdaut, und was, wenn es unverdaulich war? Vielleicht kommt Leben im Falle seiner Unverdaulichkeit nicht "stückchenweise", sondern in gröberen Brocken oder gleich ganz zu Papier. Das wäre literarisch gesehen ja ein Glück.

Ein Psychoanalytiker, selbst Schriftsteller, hat in einer lebhaften Diskussion das Schreiben einst mit dem Ausscheidungvorgang verglichen. Bitte, mir ist alles recht, was die läppischen pseudoauratischen Idealisierungen der Schriftstellerei verspottet. Ich denke nur ökonomisch: Das bringt doch nichts, wenn man sich etwas einverleibt, allein um es wieder auszuscheißen.

"Leben in sich hineinsaugen" scheint mir dagegen plausibel. Es zeugt von Gier, also davon, dass ein meistgelesener Schriftsteller sich fürs Kauen keine Zeit genommen hat. Es könnte aber auch bedeuten, dass der "mit einem Wort" erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts keine Zähne hatte, um beißen zu können. Dann stellt sich aber die Frage, hatte er noch keine, weil er infantil war, oder hatte er keine mehr, weil er schon senil war?

Jetzt verstehe ich, warum große Geister das Wort "Literaturtheorie" entsetzt von sich gewiesen haben. Das ist doch alles nicht beantwortbar, und als Rezensent kann ich nur eines tun: den Spuren des Lebens nachgehen, wie sie sich in Simenons Sonntag finden lassen. In meinen Augen hinterlässt Simenon seine Spuren artistisch. Es sind vor allem zwei Strategien, die Simenon wie kein anderer beherrscht: Erstens tritt er als Autor ganz und gar hinter das Weltmodell seiner Romane zurück, und zweitens arbeitet er dementsprechend mit einem Stil ohne Eigenschaften. Dieser Stil hat eben nicht die spektakuläre Eigenschaft, keine Eigenschaft zu haben

er hält sich an eine nüchterne, unauffällig konstruierte Alltagssprache, die perfekt von sich ablenkt.