Washington Ein Wort geht um. Ein hässliches, eigentlich längst vergessenes Wort. Es ist das Wort vom "unamerikanischen Verhalten". Es hört, wer mit Fahrgästen im Schnellzug nach New York spricht, wer CNN einschaltet oder im Internet surft.

"Unamerikanisches Verhalten" - ein Sprachmonument, das an jene unseligen Zeiten in den fünfziger Jahren erinnert, da ein staatlicher Kommunistenjäger namens Joseph McCarthy Andersdenkende der Spionage und Unterwanderung bezichtigte und ihre Leben ruinieren durfte.

Ein halbes Jahrhundert später, in Zeiten der Terroristenjagd, ist das Wort wieder da. Wieder verhält sich jemand "unamerikanisch". Doch diesmal muss sich nicht der einzelne Bürger als Abweichler zeihen lassen, sondern die Obrigkeit. Binnen Tagen hat sich eine bunte Allianz zusammengefunden, um "amerikanische Werte" zu verteidigen - gegen den eigenen Präsidenten. Seit George W. Bush vergangene Woche verkündete, er wolle Osama bin Laden und seine Bande, sofern gefasst, vor ein Militärtribunal stellen statt vor ein ordentliches Gericht, seitdem fegt ein Proteststurm durchs Land. Wer sich in Europa einflüstern ließ, Amerika folge, vor Schmerz blind, allein seinem Präsidenten, einig sogar in der Abschaffung von Bürgerfreiheiten, wird jetzt kaum mehr übersehen können: Die Opposition lebt.

Blankes Entsetzen über den Präsidentenerlass herrscht in den juristischen Fakultäten von Harvard, Princeton und Houston. Ganze Serien kämpferischer Kommentare füllen die Zeitungen von Boston, Baltimore und New York. Sogar im Kongress wächst der Widerstand. Kommende Woche wird der Justizminister dort zur Anhörung zitiert werden.

Die Kritik wäre gewiss nicht so machtvoll, käme sie allein von den bleeding heart liberals, den "wehleidigen Linken". Doch was will der Präsident seinen republikanischen Kritikern aus dem Kongress sagen, Arlen Specter etwa oder Robert C. Barr? Die Konservativen vom Kapitol kritisieren vor allem die Machtanmaßung des Präsidenten, der mit seinem Edikt für Militärtribunale die Judikative entkerne und die Legislative übergehe. Nicht einmal einen Anruf im Kapitol war Bush sein Erlass wert.

Ihre kraftvollste Stimme hat die Opposition aber nicht im Parlament gefunden, sondern in William Safire. Der erzkonservative Kolumnist, ein Original des amerikanischen Journalismus, wirft Bush vor, per Ukas "diktatorische Macht" ergriffen zu haben. Safire spricht mal von Bushs "Standgerichten" (drumhead tribunals), mal von "Scheingerichten" (kangaroo courts).

George Bush hat darauf bestanden, dass er allein entscheidet, wer vor dem Militärgericht erscheinen muss. Ausländer werden es sein, niemals amerikanische Bürger. Im Ausland oder auf See soll das Gericht tagen, nicht in Amerika. Die Verhandlungen dürfen ganz oder teilweise geheim bleiben.