Am Kiosk oder auf dem Kiez, wo rote Lichter Tabubrüche zu freiem Eintritt anzeigen, steht die Öffentlichkeit Schlange. Ihre traurige Avantgarde aber lässt sich allsommerlich beim Bachmann-Wettbewerb, schwitzend unter den Augen der Fernsehkameras und der Jury, mit "Geschichten zum Anfassen" küren, nachdem ein Provokateur dort vor Jahren ein Attentat auf seine eigene Stirn inszenierte

das Blut war echt, aber das Brett davor war festgeschraubt, und später verkaufte er im Internet Tagebücher als "Literatur". Literatur in Anführungszeichen - denn solches Schreiben kostet keine Überwindung. Es kommt nicht aus dem Schweigen, sondern ist Teil des Geschwätzes, und nichts deutet darin auf die Anstrengung, ein durch die Gesellschaft auferlegtes Schweigen zu brechen.

Scham ist der Hof des Schweigens ums wirksame Tabu. Das Geschrei um unwirksame Tabus hingegen ist gang und gäbe. Es ist nicht "tabu", sich beim Wohnzimmerstrip fürs Massenpublikum filmen zu lassen oder Groschensätze wie "Der Conte bemerkte, wie sehr ihn der Gedanke an die Bilder erregte" (Hanns-Josef Ortheil) beziehungsweise Girlie-Stärkungsmittel à la "Wenn mir der Schweißgeruch eines Mannes gefällt, ist es einfach schon zu spät" (Tanja Dückers) zu veröffentlichen

verboten ist es, in der Öffentlichkeit - wenn keine Kamera zuschaut - in Tränen auszubrechen, kopfzustehen oder Selbstgespräche zu führen.

Scham markiert die Grenzen der Normalität, des öffentlichen Gesprächs also

mit dem Freund der besten Freundin zu schlafen, gebietet allerdings die Nachmittagstalkshow genauso wie die zurzeit obligatorische "kühle Sinnlichkeit" junger Autorinnen, die hinter den vollendeten Tatsachen herschreiben und dafür von alten Kritikerinnen gelobt werden, die dergleichen Planerfüllung für subversiv halten. Die graumelierten Juroren im Literaturmachtkampf meinen, ihre verlorene Schlacht gegen wirksame Tabus im Scheingefecht gegen Pseudotabus noch einmal zu schlagen. Es sind diese ihrer eigenen Lebensmüdigkeit müden Literatursachbearbeiter, diese an der eigenen Reflexion krank und an der eigenen Aufgeklärtheit irre gewordenen Verleger, Lektoren und Kritiker, die die Preise für Massenware hochtreiben.

Vom Kunstgewerbe der "Fräuleinwunder" über die wachsende Zahl "literarischer" Thriller und Krimis, von pubertären Popgeständnissen und Szenegeplärr bis zu den anschwellenden Liebesromanen mit Titeln wie Liebespaare (Ulrich Woelk), Liebesleben (Zeruya Shalev), Liebesperlen (Mariana Leky) oder Liebediener (Julia Franck) reicht die Palette programmierter Schamlosigkeiten, die die herrschende Moral einer begrenzten Freizügigkeit schlankweg und dummdreist bestätigen - vorzugsweise in den Rollen der v ia Liebeserfahrung & Weltläufigkeit selbstverwirklichten Frau und des durch Reise & Abenteuer gestählten Mannes.