Das ist aus zwei Gründen überraschend. Erstens trägt Irma Zandl nämlich einen schreiend orangefarbenen Plastikrock und eine passende Tasche. Zweitens ist Irma Zandl die Präsidentin der Zandl Group, einer führenden New Yorker Trendforschungsagentur. Die Zandl Group berät Firmen wie Coca Cola und Ford in Fragen der Jugendkultur. Das hauseigene "TrendLab" weiß alles über die Gewohnheiten junger Menschen im Alter von 8 bis 24 Jahren, Szene-Korrespondenten fühlen den Friseuren und Szene-Barkeepern New Yorks auf den Zahn, ganze Schulklassen rücken zur Meinungsbefragung an. Die Zandl-Hauspublikation "HotSheet" (sechs Ausgaben für 30,000 Mark) verrät ihren Lesern im zweimonatlichen Rhythmus "alles, was heiß ist".

Doch tatsächlich: Trendforschung war schon mal ein größeres Geschäft in New York. Zu Beginn der 90er Jahre hielt die Jagd nach den Moden der Avantgarde noch eine ganze Schar von Marketingexperten, Werbern und Undercover-Agenten auf Trab. Irma Zandl schrieb damals ein Buch über den so genannten "Alpha-Konsumenten": Sie zählte sich zu den "Coolhuntern" und flüsterte Firmen ein, dass sie ihre Konsumprodukte von morgen nach dem Geschmack superhipper Nachtschwärmer gestalten müssten.

Doch die Jagd nach dem Trend kommt aus der Mode. In Städten wie New York und London existieren inzwischen so viele Trends auf einmal nebeneinander, dass irgendwie auch alles "in" ist. Wie soll ein Unternehmer danach verlässlich seine Produktstrategie ausrichten? Jetzt greift in Amerika zusätzlich noch die Rezession, und Terroranschläge und der Krieg dämpfen die Lust auf Konsum und Coolness. Irma Zandl sagt: "Ich wette, dass die Coolhunter bald die ersten sind, die bei Budgetkürzungen dran glauben müssen".

Ihre Zandl Group werde darunter aber nicht leiden, sagt sie, natürlich. Die Chefin hat ihre eigene Firma längst darauf eingeschworen, sich vorwiegend um langfristige Trends zu kümmern. Statt den Moden der Avantgarde zu folgen, versteht sich die Zandl Group heute als ein Barometer der Populärkultur, des Massengeschmacks in der jungen Generation. "Für unsere Kunden ist es viel wichtiger, dass sie ihre Produkte im Supermarkt wiederzufinden als in einer Szenebar", verrät die Trendforscherin.

Vielleicht gibt es aber noch einen anderen Grund. Wenn man den Vorhersagen des Zandl-Trendlab glaubt, sind nämlich im Augenblick ganz merkwürdige Sachen "in". Junge Amerikaner essen mehr Nachos. Werden immer dicker. Tragen mehr Militärklamotten. Hören christliche Popbands und surfen im frommen Beliefnet.org ("Welcher Glaube passt zu Deinem Typ?"). Vergöttern George W. Bush. Ist es deswegen, dass Irma Zandl gar nicht mehr den letzten Trends hinterher jagen mag? Gefallen ihr die Modeerscheinungen nicht mehr? "Doch", sagt sie. "Ich mag die junge Männer, die jetzt überall in diesen hellblauen Zotteljacken herumlaufen. Das gucke ich mir sehr gerne an".

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