HELLA KEMPER: Wollüstige Hühner

WEINHACHTEN SPEZIAL: Weihnachtliche Ausstellungen

KULTURKALENDER
Uraufführungen
Premieren
Ausstellungseröffnungen
Lesungen
Geburts- und Gedenktage

Wollüstige Hühner

von Hella Kemper

Dass uns die Wollust zum Küssen treibe und nicht die Muttermilch, das behauptet die Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld. Zur zeit aber treibt die Wollust ganz andere Blüten: silikongestählte Luder nämlich. Seit jenem berühmten Samstag nimmt das dümmliche Hickhack über den Luder-Auftritt auf Tommys Couch kein Ende. Es gipfelte in der "Bild"-Headline: "Jetzt zoffen sich die Hühner, was für ein Gegacker und Gehacke." Jenny, Ariane und Naddel heißt das Federvieh laut Bild. Und wo bleibt Verona? Schon Naddel hatte ja die Bohlensche Diskocouch dem Gottschalkschen TV-Sofa vorgezogen. Verona saß derweil vielleicht mit Billy auf Klippan oder Falsterbo. Wer weiß.

Nach dem Luderhype also der Hühnersturz. Nach viel Busen also jede Menge Federn. Dass es so leicht sein könnte, mit Federvieh Quote zu machen, hätte kein Medien-, pardon Hühnerexperte vorauszusagen gewagt. Denn wer interessiert sich schon für ein ordinäres Haushuhn, das bekanntlich aus Ostasien stammt. Für Bankaviahühner und das Brahmahuhn mit seinem schwarzweißen Gefieder, beliebt wegen seines hohen Fleischanteils. Jaja, das Huhn gilt als dumm, geradezu dümmlich. Aber wer einmal Hühner beobachtet hat, der weiß, wie stolz sie zum Misthaufen schreiten, wie schön sie posen und im Zeitraffer Körner vom Boden picken. Das ist Ästhetik pur. Und nicht diese auf Hochglanz polierten Silikonbusen, die niemals den herben Appeal von Monroeschen Brüsten haben werden.

Bekannt ist: Der Hahn übertrifft die Henne an Größe und Stärke. Er besitzt einen größeren Kamm, größere Kehllappen und ein schöneres Gefieder. Seine großen Schwanzfedern sind gar sichelförmig gebogen. Über der Hinterzehe hat er einen Sporn, den er wie den Schnabel als Waffe einsetzt, wenn er mit anderen Hähnen um die Herrschaft oder die Hennen kämpft - und die Spezies Mann? Womit kämpft sie?

Aber zurück zum Küssen. Ingelore Ebberfeld also glaubt, dass der Zungenkuss nichts anderes sei als ein symbolischer Geschlechtsakt ("Küss mich - eine unterhaltsame Geschichte der wollüstigen Küsse", Ulrike Helmer Verlag 2001). Zum Kuss würden wir durch die angeborene Berührungs- und Schnüffellust getrieben. Damit steht die Bremer Wissenschaftlerin im Widerspruch zu Sigmund Freud, der das Küssen vom Saugen an der Mutterbrust, von der Mund-zu-Mund-Fütterung ableitet. Der Literaturwissenschaftler Otto F. Best dagegen formuliert in seinem Buch "Die Sprache der Küsse" (Köhler&Amelang Verlag 2001) die These: Wer küsst, wagt. Denn der Kuss sei immer auch ein Wagnis von Nähe. "Küssen ist angewiesen auf die Bereitschaft zu Risiko und Kreativität", schreibt Best.