Eine Schule in Soweto, karge Klassenzimmer, Mangel an Unterrichtsmitteln, zu wenige Lehrer, zu viele Schüler und ein Problem von katastrophalen Ausmaßen: Aids. Tag für Tag infizieren sich 1.500 Südafrikaner mit dem tödlichen Virus. Die ökonomischen und sozialen Folgen sind verheerend, und fast jedes der 300 Kinder, die gerade im Schulhof sitzen und gebannt ein Puppenspiel verfolgen, hat durch Todesfälle in der Familie oder Nachbarschaft unmittelbare Erfahrungen mit der Pandemie. Das kurze Lehrstück heißt Abangani, Freunde, es klärt spielerisch über die Seuche auf. Die jungen Zuschauer sind begeistert und führen anschließend eine lebhafte Diskussion. "Das widerlegt den im Ausland vorherrschenden Eindruck, wir Afrikaner würden HIV/Aids tatenlos hinnehmen", sagt Nyanga Tshabalala, der Gründer des Puppentheaters.

Dann die zweite Township am Rande Johannesburgs, Alexandra, 300 000 Menschen leben auf engstem Raum. Besuch bei Joseph Makapan und der Selbsthilfeinitiative von schwarzen Behinderten, die einen kleinen Handwerksbetrieb für Korbwaren und eine Kindertagesstätte aufgebaut haben. Man sieht den Besuchern aus Deutschland das Wechselbad der Gefühle an - sie sind zugleich bedrückt durch die Armut und ermutigt durch Engagement der Behinderten. Das Alexandra Disability Movement stand schon vor Jahresfrist auf dem Programm der ersten ZEIT-Leserreise nach Südafrika. Während dieser Visite wurde eine Sammelaktion für das Projekt angeregt; unterdessen sind fast 30 000 Mark zusammengekommen, gespendet von der ZEIT und ihren Lesern und vom Reiseveranstalter Studiosus. Aus dem Hilfsfonds soll demnächst ein behindertengerechtes Transportmittel finanziert werden - mit der großzügigen Unterstützung der hiesigen Niederlassung von DaimlerChrysler.

Nach den sozialen Brennpunkten folgten ein paar entspannende Tage im Busch und an der Küste des Indischen Ozeans. Unvergessen dürfte eine Begegnung der unheimlichen Art bleiben: Auf der Safari durch den Nationalpark von Hluhluwe kreuzte ein gewaltiger Elefant den Weg der ZEIT-Reisenden. Er kam ihrem Bus so nahe, dass der eine oder andere Teilnehmer schon Schlimmes befürchtete.

Im Anschluss an eine Blitztour durch die indisch geprägte Hafenstadt Durban flog die Gruppe nach Kapstadt, und dort wurde es wieder hochpolitisch. Zum Beispiel bei Führung von Indres Naidoo auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island. Er gehörte zum Kreis der Widerstandskämpfer um Nelson Mandela, die das Apartheid-Regime jahrzehntelang eingekerkert hatte. Naidoos hautnahe Schilderungen aus den dunklen Jahren fesselten die Besucher. Was sie aber am meisten beeindruckte war seine bedingungslose Bereitschaft zur Versöhnung. Ähnlich erging es ihnen bei der Begegnung mit Noor Ebrahim, dem Leiter des District Six Museums. Er war in den 60er Jahren zusammen mit Tausenden von Farbigen aus der Kapstädter Innenstadt vertrieben worden; sein Wohnviertel, der District Six, wurde kurzerhand niedergerissen, um Siedlungsraum für privilegierte Weiße zu schaffen. Noor verspürt keinen Hass, keine Rachegelüste. "Wir haben vergeben", erklärt er, "aber nicht vergessen."

Dann der Abend mit dem schwarzen Universitätsprofessor Neville Alexander, einem der brillantesten Intellektuellen des neuen Südafrika. Er listete die Kardinalprobleme des Landes schonungslos auf: Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität, Bildungsnotstand, Aids. "Wir werden noch lange eine ungleiche Gesellschaft bleiben." Andererseits: Alexander, der an der University of Cape Town alternative Erziehungsmethoden erforscht, strahlt auch den Erneuerungsgeist der von Präsident Thabo Mbeki verkündeten Renaissance des Kontinents aus. "Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme" lautet die Kernthese dieser Vision.

Auf Nelson's Creek ist sie schon ein Stück weit Wirklichkeit geworden. Der Besitzer des Weinguts hat seinen Arbeitern Land geschenkt. "Dieses Jahr wurde in der Geschichte Südafrikas der erste Wein von schwarzen Arbeiter auf ihrem eigenen Grund und Boden produziert", erklärt Victor Titus, der Koordinator eines Projektes, das als Modell für konfliktfreie Umverteilung angesehen wird. Anschließend fuhren die Besucher durch das bukolische Weinland, einer der landschaftlichen Höhepunkt der gesamten Reise. Natürlich standen auch die klassischen Ziele auf der Agenda, das Kap der Guten Hoffnung, der Tafelberg, der botanische Garten in Kirstenbosch und all die anderen atemberaubenden Schönheiten, welche die Kap-Provinz zu bieten hat.

Bei der gemeinsamen Rückschau am Ende der Reise aber stellte sich heraus: Die Anschauung der extremen Gegensätzen im Lande wirkte stärker als alle anderen Reiseimpressionen. Sie löste bei den Besuchern entsprechend ambivalente Bewertungen aus: tief pessimistische und skeptische, aber auch zuversichtliche. "Es ist einfach schwer zu akzeptieren, wenn man die Elendshütten der Schwarzen sieht und gleich daneben die prächtigen Golfplätze der Weißen", meinte eine Teilnehmerin. Ein anderer ZEIT-Reisender brachte den Zwiespalt trefflich auf den Punkt: "Südafrika bewegt sich auf einer Messerschneide, und es steht noch nicht fest, auf welcher Seite es runterfällt."