Die Beschleunigung der Geschichte hält an. Der Kollaps der Taliban ist fast komplett, die Schlinge um bin Laden, den Massenmörder im Heiligengewand, zieht sich enger. Der rasche Aufmarsch der U. S. Marines kündigt die Eskalation am Boden an, die Afghanistan-Konferenz in Bonn soll den Frieden formen, bevor der Krieg überhaupt beendet ist. Und im Hintergrund lauert die ominöse "Phase 2", in der Somalia oder der Irak zum Ziel des Antiterrorkampfes werden könnte.

Ein zweiter Schlag gegen Saddam? Amerika hätte gute Gründe, die Labore und Anlagen zu zerstören, die der Diktator den UN-Inspektoren versperrte, bevor er sie hinauswarf. Dass er mit seinen Ölmilliarden hartnäckig an A- und B-Waffen arbeitet, ist kein Geheimnis; das halbe Manhattan wäre heute ein Gräberfeld, wenn dort am 11. September ein atomarer Sprengsatz explodiert wäre. Der Irak aber steht noch nicht auf dem Programm - ebenfalls aus gutem Grund: Für die Operation fehlt die Koalition. Der Sanfte aus dem State Department, Colin Powell, soll sie erst noch zusammenfügen, derweil sein Boss Bush die Drohkulisse aufbaut: Saddam "muss die Inspektoren wieder ins Land lassen". Das wäre die beste Lösung, denn es ist klüger und effizienter, Massenvernichtungswaffen im Keim als unter einem Bombenteppich zu ersticken. Und wenn Saddam sich nicht fügt? Bush: "Das wird er dann schon sehen." Vorläufig aber lautet seine Devise: "First things first" - das Wichtigste zuerst.

Das Wichtigste? Es liegt auf der Hand und heißt "Osama bin Laden". Die Marinesoldaten, die jetzt zu Hunderten in Afghanistan landen, werden sich aufmachen, um den Kopf des Al-Qaida-Netzwerkes aus seinem Versteck zu holen. Unwahrscheinlich, aber nicht absurd: Vielleicht jagen sie schon einen Toten, bombardieren doch amerikanische Jets seit zwei Wochen zahllose Höhlen, die als letzte Bastion bin Ladens und seiner Hintersassen gelten.

Womöglich aber wartet schon eine zweite Aufgabe auf die Schocktruppe der US-Streitkräfte: Nach der Ortung die Ordnung. Denn mit dem herannahenden Sieg droht das klassische Problem aller Zweckbündnisse: ihr Zerfall. Längst schon krallen sich die Warlords der Nordallianz auf ihrem neuen Turf fest, dabei misstrauisch ihre Rivalen beäugend. Hier und dort zu arrondieren dürfte ihnen gewiss gefallen. Eine unparteiische Militärpräsenz wäre also ein nützlicher Abschreckungsfaktor - einfach durch ihr Da-Sein. Eine UN-Truppe? Als Kofi Annan um Soldaten bat, schwiegen die Staaten verlegen - auch die Deutschen. Mithin wird dieser Kelch auf die Amerikaner zukommen. Bush hat das schon erkannt: "Aus früheren Eingriffen in Afghanistan sollten wir gelernt haben, dass wir nicht einfach verschwinden können, wenn wir das militärische Ziel erreicht haben."

Eine Konferenz wie die von Bonn wird das Problem der Macht nicht packen können - erst recht nicht, wenn dort die Paschtunen, die größte Ethnie, nur von drei Exilgruppen vertreten werden. Wichtiger ist eine andere Konferenz - der Anrainer- und interessierten Staaten: Iran, Usbekistan, Tadschikistan, Pakistan, USA und Russland. Stabilität ist ihr ureigenes Anliegen - und ihre Klientel im Lande wird ihnen gespannter zuhören als den Bonner Quartiermachern.

Bin Laden tot, Terror tot? Die Al-Qaida-Zellen sind rings um die Welt verteilt, theoretisch könnten sie ohne ihn agieren. Praktisch aber werden die Kopflosen kein leichtes Spiel haben: Die Welt ist gewarnt, die Kommunikations- und Finanzströme werden überwacht. Vor allem fehlt ihnen mit Afghanistan der sichere Port, den alle Terroristen brauchen. Virtueller Terrorismus, zumal wenn im Visier der Verfolger, mag ein ähnliches Schicksal erleiden wie die Dotcom-Ökonomie.

Der Krieg ist noch lange nicht vorbei. Er hat aber schon ein Abschreckungssignal gesetzt: Wer den Terror beherbergt, zahlt einen hohen Preis.