In Woody Allens Erzählung Zwischenspiel mit Kugelmass geht es um einen Literaturprofessor, der unbedingt Emma, die Titelfigur aus Gustave Flauberts Roman Madame Bovary, kennen lernen möchte. Ein Erfinder baut ihm eine Maschine, die Bücher zum Leben erwecken kann. In der Maschine deponiert er ein Exemplar von Madame Bovary; anschließend schickt er Kugelmass hinein. Der Leser Kugelmass und seine liebste Romanfigur erkennen einander und erleben eine stürmische Affäre. Dann die Katastrophe: Der Erfinder lässt ein spanisches Wörterbuch in die Maschine fallen, Kugelmass verliert Emma und verirrt sich im spanischen Grundwortschatz. Am Ende sehen wir ihn einen kahlen Berg hinaufhetzen, verfolgt von einem haarigen Verb namens tener, zu deutsch: nehmen.

Kugelmass hat in den deutschen Theatern viele Leidensgenossen: Menschen in Rückzugsgefechten. Sie sind in einen aussichtslosen Kampf mit der Sprache verstrickt. In Scharen flüchten sie durch kahle Landschaften, verfolgt von gespenstischen Wörtern. Es sind die Figuren des René Pollesch. Der wuchernde Wortschatz der Globalisierung ist ihnen auf den Fersen und wird sie bald einholen und unterpflügen. Derzeit fliehen sie noch, auf den Bühnen von Luzern, Berlin, Hamburg und Stuttgart, und es ist ein Vergnügen, ihnen zuzusehen.

Polleschs Thema ist die Entmachtung, Enteignung, Umzingelung und Einriegelung des Humanen durch den Markt und die Technologie. Intelligente Häuser, telefonierende Kühlschränke, mitfühlende Autos, vorausschauende Teppiche, intrigante Regenrinnen, liebesbedürftige Wohnzimmer nehmen sich des Menschen an, gewinnen sein Vertrauen, setzen sich an seine Stelle.

Aber wie lässt sich der Vormarsch der Technologie darstellen, wenn man nicht Arsenale von Requisiten in Gang setzen will? Indem man die Sprache zum Schauplatz aller Kämpfe macht. Die Diskursphrase "A hat sich in B eingeschrieben" trifft Polleschs Figuren genau: Sie sind das, was sich in sie eingeschrieben hat. Je mehr Fremdes sich in sie einschreibt, desto mehr verschwinden sie. Die Sprache der Volkswirte, Soziologen, Biologen, Werber, Börsianer, Internet-Technologen tobt sich in ihnen aus und setzt sich in ihnen fest. Sie verwandeln sich in Gebrauchsanweisungen ihrer selbst.

Da die Dinge Seelen bekommen haben, dürfen die Menschen zu Dingen werden. Pollesch kommentiert die Abdankung des Menschen. Seine Figuren sind Zwangsvernetzte, die mit jeder Körperbewegung und jedem Atemzug etwas auslösen oder löschen oder abregnen lassen oder neu konfigurieren. Sie haben keine Gesichter mehr, sondern "soziale Displays", sie sind keine Typen mehr, sondern "Eigenunternehmer ihres Hipseins", und in ihrem Inneren brauen sich dunkle Ahnungen zusammen: "Ja, gut, ich bin ein Replikant und irgendjemand hat einen Bauplan in mir abgeworfen und dem gehört das jetzt alles."

Pollesch hat viele Stücke geschrieben, deren Verbreitung er peinlich kontrolliert: Der Mann ist derzeit Kult, und diesen Status will er noch eine Weile retten. Also inszeniert er seine Texte selbst. Seine Bühnen sind hohe Festungen aus Plüsch, von denen gellende Notrufe ins Land hinausgehen. Jetzt hat auch Stuttgart so eine Pollesch-Festung, errichtet an zwei Abenden: Smarthouse 1 + 2.

Oben sitzen zwei Damen und zwei Herren in Cowboystiefeln auf Polstertürmen und nehmen Rodeostellung ein. In ihren Fellkostümen sehen sie aus wie lebende Autowaschanlagenwalzen. Im Tonfall einer aus dem Amerikanischen herübergezerrten Dauer-Shopping-Sendung preisen sie die menschliche Schöpfung. Jedoch, ziemlich oft in Polleschs Texten finden sich Wörter oder ganze Sätze, die GROSS GEDRUCKT sind, und diese Wörter oder Sätze müssen ANSATZLOS GEBRÜLLT werden. Da artikuliert sich dann, mit S. Freud gesagt, das Unbehagen, pardon: DAS SCHEISS-UNBEHAGEN, in der Kultur. Polleschs Figuren brüllen nämlich ziemlich oft SCHEISSE! Das Unbehagen quillt zwischen ihren Zeilen durch. Sie haben, nun mit Loriot gesprochen, etwas letztes Eigenes, das sie wütend verteidigen, und das ist ihr Zorn.