Die "Gespräche über Afghanistan" auf dem Petersberg sind eine Siegerkonferenz, die zulasten des Hauptgewinners gehen soll. Die Uno richtet den Gipfel zwar aus, doch die westliche Antiterrorkoalition ist der eigentliche Drahtzieher. Sie muss ihre triumphierende Sturmtruppe von der Nordallianz eingrenzen, damit diese nicht nach der Devise The winner takes it all gleich in den nächsten Bürgerkrieg durchmarschiert.

Weil die Allianz der ethnischen Minderheiten aber wenig Lust verspürt, am Petersberg wieder herauszurücken, was sie den paschtunischen Taliban am Fuße des Hindukusch abgenommen hat, sieht sie sich bei den Gesprächen enormem Druck ausgesetzt. Er wird noch verstärkt durch das Tempo, mit dem die Taliban militärisch aufgerieben werden.

Die Konferenz hat drei Ziele, von denen die auf afghanischem Boden um die regionale und zentrale Macht ringenden Gruppierungen wenig beeindruckt sind. Erstens wird die Uno auf dem Petersberg international herausgehoben als Konsortiumsführer für die Trümmerarbeit, die Amerika hinterlässt: das nation-building, die Stabilisierung des Landes von der Pike auf. Zweitens soll die Konferenz nach einem Fünf-Punkte-Plan des UN-Sonderbevollmächtigten Lakhdar Brahimi Afghanistans Weg von einer Übergangsverwaltung bis zu einer "multiethnischen und repräsentativen Regierung" ebnen. Drittens möchte die westliche Koalition die Stationierung einer multinationalen Truppe mit UN-Mandat erreichen.

Zustimmung finden diese Ziele auf dem Petersberg bei den drei paschtunischen Exilgruppen. Sie besitzen in Afghanistan weder Macht noch Truppen, werden aber von einem Großteil der Bevölkerung unterstützt. Die Paschtunen, die größte Bevölkerungsgruppe mit rund 40 Prozent der Bürger, haben Afghanistan seit dem 18. Jahrhundert beherrscht. Dem Clan, der das Land rund 250 Jahre lang regierte, gehört der seit 1973 im römischen Exil lebende König Zahir Schah an. Die elfköpfige "Rom-Gruppe", die den greisen Exmonarchen auf dem Petersberg vertritt, dringt auf deutsche Beteiligung an einer internationalen Friedenstruppe. Die "Peschawar-Gruppe" und die "Zypern-Gruppe" mit je fünf Delegierten gehören zu den religiös und politisch toleranteren Vereinigungen, haben aber in den Exiljahren unter pakistanischem beziehungsweise iranischem Einfluss gestanden.

Diese drei Auslandsgruppen repräsentieren die Paschtunen jedoch nicht ausreichend. Die Taliban fehlen aus verständlichen Gründen. Doch auch die wichtigen Stammesführer aus dem Südosten, von den Grenzzonen gegenüber der bisherigen Taliban-Hochburg Kandahar sind nicht dabei. Sie misstrauen der Peschawar-Gruppe und haben sich auf keine "Südallianz" einigen können. Andere Clans aus dem Osten entziehen ihre Gebiete überhaupt aller Zentralgewalt. Die Hauptschwäche der stärksten afghanischen Bevölkerungsgruppe wird auch von der Bonner Konferenz nicht beseitigt werden: Ihr alter König kann nicht mehr rochieren. Und es gibt keine andere zentrale Figur auf dem paschtunischen Schachbrett.

Dem stehen in der Petersberger Partie die scheinbar flotten Springer und Offiziere der Nordallianz mit ihrer frisch gesicherten Kabuler Stellung gegenüber. Die elf Delegierten unter dem alerten Yunus Qanuni, der bei der Eröffnung am Dienstag auch als Erster das Wort erhielt, treten gewinnend vor die Weltöffentlichkeit. Sie haben vor der Abreise sogar ihren eitlen Religionsführer Burhanuddin Rabbani zu verbalen Konzessionen bewegt. Der von der Weltdiplomatie noch immer anerkannte Präsident räumte in Kabul ein, dass seine neuen Minister abträten, wenn die große afghanische Versammlung (Loya Jirga) eine Übergangsregierung anerkennen würde. "Nicht schuldige" Taliban dürften einem solchen Kabinett dann ebenfalls angehören. Noch wenige Tage zuvor hatte Rabbani das Gegenteil verkündet. Vieles spricht dafür, dass sich die junge Garde um Qanuni und den polyglotten Außenminister Abdallah Abdallah schon in Kürze über den alten Präsidenten hinwegsetzen wird, der den blutigen Bürgerkrieg nach 1992 zugelassen hatte.

Doch die ethnischen Minderheiten der Nordallianz können jederzeit wieder übereinander herfallen, wenn sie der gemeinsame Feind, die paschtunischen Taliban, künftig nicht mehr zusammenschweißt. Die "Nordstaatler" auf dem Petersberg sprechen auch nur für die Tadschiken, die zweitgrößte Volksgruppe. Die Usbeken und die schiitischen Hazara ziehen ihre regionale Autonomie jeder starken Zentralregierung vor. Ihren Kriegsherren Raschid Dostum - einem blutigen Despoten, der sich jetzt als Befreier des Nordens feiern lässt - und Karim Khalili waren die heimischen Festungen wichtiger als der ferne Petersberg.