An die Haustür der Nummer 486 hat jemand mit schwarzem Filzstift "God bless America" geschrieben. Hier in der Union Avenue haben sie ein paar Monate gewohnt. Jimi Nouri verflucht den Tag, an dem er das Apartment vermietete, vermietet an jeden, der nicht über die kaputte Heizung jammert und ihm "pünktlich die Franklins" auf den Tisch legt, die 100-Dollar-Scheine. 650 Dollar Monatsmiete hatte Nouri verlangt, damals im Februar, und der Junge mit dem Milchgesicht, der sich als College-Student ausgab, sagte gleich ja.

Dann kam der 11. September, ein blauer Morgen, als man in Paterson die Rauchsäule über Manhattan sehen konnte und der Bürgermeister den Notstand ausrief, weil er nicht wusste, ob ein Krieg ausgebrochen war. Im Radio schrie eine hysterische Anruferin, in Paterson feierten Palästinenser auf der Straße. Tage später zeigte das Fernsehen die ersten Fotos der Attentäter, und Jimi Nouri rief die Polizei. Die ersten FBI-Agenten kamen ins "Araberviertel" von Paterson, legten in Nouris Laden die Fahndungsbilder auf den Tisch, zwischen Kartons voll Rasierwasserflaschen und arabische Brautkleider, und Jimi Nouri, gebürtiger Syrer mit amerikanischem Pass, identifizierte seine ehemaligen Mieter: Hani Handschur und Nawaf al-Hamzi, am 2. September mit unbekanntem Ziel aus der Union Avenue verzogen. Neun Tage später entführten sie eine Passagiermaschine der American Airlines und lenkten sie im Sturzflug auf das Pentagon.

Die Terroristen kauften Donuts

Sollte Jimi Nouri die Begegnung mit den Terroristen im Nachhinein schockiert haben, lässt er sich das nicht anmerken. Er ist Geschäftsmann, ein abgebrühter Geschäftsmann, kein Privatdetektiv. Woher sollte er wissen, dass Handschurs Visum längst abgelaufen war und das FBI al-Hamzi auf eine Beobachtungsliste gesetzt hatte - nur leider ohne ihn zu beobachten? Nouri sorgt sich jetzt um seinen guten Namen. "Die Nouri-Boys sind absolut solide." Die Nouri-Boys sind sieben Brüder aus Aleppo, aufgewachsen in New Jersey nach den Regeln des amerikanischen Traums: Arbeite hart, halte dich nicht mit Verlierern auf, und verdiene so viele "Franklins", dass du in den suburbs wohnen kannst. Jimi, 38 Jahre alt, redet wie Robert De Niro auf der Leinwand, und wenn er nicht gerade baufällige Apartments vermietet, arrangiert er Hochzeiten "wie am Schnürchen, inklusive Limousinenservice, Brautkleid und Video". Aus ganz New Jersey und New York kommen seine Kunden. Aber jedes neue Detail über den scheinbar so banalen Alltag seiner ehemaligen Mieter wirft jetzt Schatten auf das Geschäft.

Ruhig und unauffällig seien Handschur, al-Hamzi und die anderen gewesen, erzählen die Nachbarn, denn plötzlich saßen sechs Mann im Apartment. Nachts hat man sie manchmal in Striplokalen gesehen, morgens kauften sie im Mini Market Orangensaft und Donuts. Koscher mussten sie sein, die Zuckerglasur frei von Schweineschmalz. Der mit dem bitteren Zug um den Mund, Mohamed Atta, sei auch hier gewesen.

In vielen Städten Amerikas hatten die Attentäter Wohnungen angemietet, Flugstunden genommen, Bankkonten eröffnet, Fast Food gekauft und Nachbarn gegrüßt. Aber anders als in Paterson gibt es dort kein "Araberviertel", nicht zwölf Moscheen auf einem Fleck und 23 000 Muslime, die seit dem 11. September in einen Strudel der Widersprüche geraten sind. Im Fernsehen umarmt der US-Präsident seine muslimischen Mitbürger; aber vor den Haustüren von Paterson stehen FBI-Agenten und hinterfragen ihre Loyalität zur "westlichen Zivilisation". In Radioshows werden sie als Terrorsympathisanten beschimpft; die katholische Gemeinde bittet zur gemeinsamen Lektüre des Korans. Der Generalstaatsanwalt bedauert, sie ab sofort verschärft diskriminieren zu müssen; die politischen Parteien buhlen plötzlich um die Stimmen des "muslimischen Wählerblocks". Es war schon mal leichter, sich in Amerika zurechtzufinden.

Es sind meist raue Gegenden, in denen sich arabische und muslimische Immigranten zum demografischen Machtfaktor entwickelt haben. Brooklyn und Queens in New York, Detroit und Dearborn im Bundesstaat Michigan und der Norden New Jerseys mit Paterson und seinem längst verblichenen Ruhm. "Wiege der amerikanischen Industrie" nennen es Historiker - als erste Fabrikstadt der Neuen Welt auf dem Reißbrett entworfen. Es gab Baumwollspinnereien, Lokomotivwerke, Waffenschmieden, Textilfabriken und Seidenspinnereien. Aus den Industrieruinen wachsen längst Bäume, und die neuen Immigranten suchen ihr Glück in den Shopping-Mall-Wüsten entlang der Autobahnen oder in den kleinen Geschäften von Verwandten und Bekannten. Dort gibt es Jobs, und der Himmel über New Jersey ist allemal höher als über Ramallah, Kairo oder Peschawar.