Ganz normale Grenzkontrolle: Ein italienischer Arzt untersucht einen Flüchtling

Bari

Solche verdreckten, ausgemergelten Gestalten hat man in Europa seit langem nicht mehr gesehen. Einige der Männer hangeln an den Trossen des rostigen Dampfers zur Kaimauer hinunter. Schmieröl und Rost an den Schiffswandungen stören sie nicht. Wohl aber die Carabinieri und die Männer von der Guardia di Finanza in ihren tadellosen Uniformen. Sie würden die Gestrandeten am liebsten gar nicht anfassen. Aber es klettern immer mehr gespenstige Figuren vom Schiff, setzen sich, trotzige Blicke werfend, irgendwo auf der Mole hin.

Das war 1991, am 8. August, das Schiff hieß Vlorë und war aus der albanischen Hafenstadt Durrës, also mitten aus Europa gekommen. Aus einem Europa, das man damals in den wohlhabenden Staaten des Westens nicht mehr kannte. Die Italiener waren hilflos. 10 000 Albaner hatten versucht, ein Dahinvegetieren in dem von Enver Hodscha hinterlassenen Drecksnest gegen ein Leben in bella Italia einzutauschen. Sie hatten die Vlorë gestürmt und die Besatzung zur Fahrt über die kaum mehr als hundert Kilometer breite Adriapassage gezwungen. An der Küste von Apulien gestrandet, wurden sie auf Anordnung des Bürgermeisters von Bari, Enrico Dalfino, ins Fußballstadion getrieben.

Am Ende brachten die Italiener alle Flüchtlinge auf Fähren und mit Flugzeugen nach Albanien zurück. "Unser Ziel", erklärte Claudio Martelli, der damalige stellvertretende Regierungschef in Rom, "ist die totale und sofortige Zurückweisung jeder neuen Flüchtlingswelle."

Erleichterung kam damals über die Abschiebung der 10 000 in Deutschland auf. Im Bonner Innenministerium, geleitet von Wolfgang Schäuble, war man fest davon überzeugt gewesen, die Italiener würden ihr "Asylproblem einfach nach Norden exportieren". Doch dagegen gab es ein Druckmittel: Schengen. Die Regierung in Rom wünschte dringend, in den Schengen-Club aufgenommen zu werden.

Der Staatenverbund, der weitestgehend auf Kontrollen von Personen und Gütern an den Binnengrenzen verzichtet, dafür aber seine Außengrenzen stärker schützt, war 1985 von Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg gegründet worden. Italien galt als unsicherer Kantonist. Es musste warten - bis es am 1. April 1998 endlich auch dazugehören durfte. Die Behandlung der Passagiere der Vlorë war gewissermaßen Italiens Legitimationsnachweis für Schengen. Hätte Bürgermeister Dalfino damals Milde gezeigt und die Flüchtlinge aus Albanien bleiben lassen, dann verliefe die Schengen-Außengrenze heute durch die Alpen. So aber wird sie von der italienischen Küste gebildet, ist deshalb in diesem Raum beinahe 8000 Kilometer lang - und schlechterdings nicht dichtzumachen.