Die Bürger haben gesprochen. "Ja" zu Gentests, wenn sie der Gesundheitsvorsorge dienen. "Jein" zur Präimplantationsdiagnostik (PID). Ein ziemlich klares "Nein" zur Forschung an embryonalen Stammzellen. So lauten die Antworten des ersten Bürgerforums zu Gretchenfragen der Biomedizin. 19 Menschen aus allen Teilen Deutschlands, aus verschiedenen Alters- und Berufsgruppen hatten die Einladung des Forums Wissenschaft im Dresdner Hygiene-Museum angenommen. Ein Experiment: Erstmals sollten Laien in die Beantwortung wissenschaftsethischer Grundsatzfragen einbezogen werden.

Krankenhausstimmung verbreitet der Saal, in dem die Hausfrau Karin R. aus Ratingen, der Schweriner Frührentner Roberto C. und der Student Dominic Q. aus Saarbrücken sich vorsichtig auf das Feld der Wissenschaftler vortasten. Zwei Tage Referate, Statements und Diskussionsrunden. "Gibt es Verständnisfragen?", fragt der Moderator immer wieder in den Raum. Es gibt sie.

Am Ende scheint zwar vieles geklärt, jongliert die Bürgergruppe mit Kürzeln wie PND und PID, redet wie selbstverständlich von adulten und totipotenten Stammzellen. Doch die Kluft zwischen Wissenschaft und Bevölkerung bleibt spürbar. Die Veranstalter dieser neuen Art des Bürgerdiskurses versprechen eine Brücke. Doch belastbar ist das Bauwerk noch lange nicht. Die Forscher tun sich schwer, die Zuhörer zu erreichen. Selbst wenn diese vorinformiert, aufmerksam und interessiert sind wie in Dresden.

Eine junge Biochemikerin baut durch einen gut verständlichen Vortrag Vertrauen auf - und verspielt es, sobald sie von "Embryonen verbrauchender Forschung" spricht. Einige in der "Jury" zucken zusammen. Zustimmung erhält, wer die Kluft zwischen Menschen und Forschung benennt. Mit Leidenschaft erzählt Annegret Braun von der Stuttgarter Beratungsstelle für pränatale Untersuchungen von den Ängsten werdender Mütter, die zu ihr kommen. Verständnisfragen? Keine. Diese Botschaft kommt an, das Votum übernimmt die Bürgergruppe fast wörtlich in ihr Abschlussgutachten: "Die Frauen werden nicht darüber aufgeklärt, dass sie Anspruch auf psychosoziale Beratung haben."

Bedenkenträger spielen mit Heimvorteil. Doch die Befürworter der Forschung geben sich kaum Mühe, ihre Chancen zu nutzen. Sie verharren in der Defensive. Nur bei den Männern der Gruppe können sie Punkte machen.

Liegt es an den Angst-Appellen? Im Abschlussgutachten ergibt sich eine klare Spaltung in Männer und Frauen. Alle zehn Frauen der Bürgergruppe sprechen sich gegen PID aus. "Wir sehen ein großes Missbrauchspotenzial", sagen sie. In vitro gezeugte Embryonen auf Gendefekte zu testen, bevor sie der Mutter eingesetzt werden, würde "zu einer Selektion von Menschen führen und hätte negative Auswirkungen auf Kranke und Behinderte in unserer Gesellschaft." Nur einer der neun Männer schließt sich ihnen an. Acht sind pro PID.

Aber fast die ganze Bürgergruppe stimmt gegen die Forschung an embryonalen Stammzellen. Nur eine kleine Minderheit spricht sich dafür aus, diese Forschung "zur Bekämpfung von Krankheiten, die mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr bekämpft werden können", einzusetzen - aber erst nach "breiten öffentlichen Diskussionen".