Die Kundin möchte nach ihrem Tod ein künstliches Riff werden? Nichts leichter als das: Ihre Asche wird nach Orlando geflogen, mit Zement vermischt und vor der Küste Floridas mit anderen Betonpfeilern im Meer versenkt. Ein anderer Kunde will nach dem Ableben als Sternschnuppe enden? Kein Problem: Für 10 000 Mark bringt ein Shuttle die Aluminiumurne in die Erdumlaufbahn. Nach ein paar Millionen Flugkilometern verglüht die Kapsel in der Atmosphäre. Die gute Fee, die solche Wünsche erfüllt, heißt Verena Kurz-Feuerstein. Sie leitet mit ihren Eltern eines der modernsten Bestattungshäuser Deutschlands. Und sie gehört zum ersten Jahrgang des Bestatternachwuchses, der im vergangenen Jahr die Prüfung zum Bestattermeister - Neudeutsch: Funeral Master - ablegte.

Bestatter sind Floristen und Trauerpsychologen zugleich, Drucker und Gärtner, Dekorateure und Einzelhändler. Doch die Berufsbezeichnung ist ungeschützt. Wer sich einen Gewerbeschein holt, darf ins Geschäft mit dem Tod einsteigen. Zwar gibt es die Ausbildung zum Bürokaufmann, Fachrichtung Bestattungswesen; doch Bestattungsrecht, Grabkunde und Bestattungsrituale kommen im Lehrplan zu kurz. Und die berufsbegleitende Weiterbildung zum geprüften Bestatter ist freiwillig, zum Ärger der etablierten Institute. "Niemand kann in dem Gewerbe bestehen, der nicht die Ausbildung hat", sagt der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, Rolf Lichtner. Der Verband, in dem 80 Prozent der Bestattungsunternehmen organisiert sind, möchte die dreijährige Berufsausbildung zum Bestatter in der deutschen Handwerksordnung festschreiben lassen. Manche Gewerkschaften, wie die IG Metall und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, sind dagegen - ein 16-Jähriger könne keine Familie betreuen, die gerade drei Kinder verloren hat, und Jugendlichen sei der Anblick von Unfallopfern nicht zuzumuten.

Verena Kurz-Feuerstein stand zum ersten Mal mit 14 Jahren vor einem Toten. In ihrer Familie gehört der Tod zum Alltag. Der Urgroßvater war Dentist, Barbier und Leichenbeschauer, der Großvater brachte Reichspräsident Ebert unter die Erde, mit ihren Eltern beerdigte sie Vater und Mutter von Schwedens Königin Sylvia. Jede zweite Beerdigung in Heidelberg geht auf das Konto von Kurz-Feuerstein, 1000 Tote im Jahr, jeden Tag 3. "Wir haben unsere Tochter nicht zu diesem Beruf gezwungen", sagt Gertraud Kurz-Feuerstein. Doch Bestatter vererben ihren Beruf wie Könige ihren Thron. Die meisten Auszubildenden im Haus sind Kinder von Kollegen. Verena Kurz-Feuerstein entwickelte starken Ehrgeiz. Mit Auszeichnung bestand sie die Weiterbildung zum "geprüften Bestatter" im Alter von 30 Jahren. Die Weiterbildungen zur Bestattermeisterin und zur Thanatopraktikerin (Thanatopraxie: konservierende und kosmetische Behandlung von Leichen) absolvierte sie jeweils im ersten Jahrgang. "Ich arbeite immer daran, besser zu werden", sagt die 38-Jährige. Im Urlaub besucht sie Seminare in den USA zur Hand- und Gesichtsrekonstruktion von Schusswaffenopfern.

Schwere Zeit für schwarze Schafe

Längst beschränkt sich der Bestatterberuf nicht mehr auf das Verkaufen von Särgen und Schaufeln von Gräbern. Dienstleistung ist gefragt. Verena Kurz-Feuerstein organisiert buddhistische Trauerfeiern mit Räucherstäbchen und Blütenkränzen in Elefantenform, Weißrussen bettet sie traditionsgemäß im nagelneuen Anzug zur letzten Ruhe. Ihre Mitarbeiter wickeln für die Hinterbliebenen Lebens- und Unfallversicherung ab, sie drucken Trauerkarten, geben Todesanzeigen auf und bestellen Blumengestecke. Auf Wunsch besorgt Kurz-Feuerstein auch schon mal 60 weiße Brieftauben, die beim Ablassen des Sargs in den Himmel aufsteigen. Oder sie organisiert eine Live-Übertragung der Beerdigungsfeier zu den amerikanischen Verwandten. Der Tote ist König, der Bestatter wird immer mehr zum Eventmanager.

Am Volkstrauerwochenende organisierte Verena Kurz-Feuerstein das bundesweite Juniorentreffen der Bestatter in Heidelberg - für den Nachwuchs unter 45. Auch dort wurde die Forderung nach einer eigenen Ausbildung zur Fachkraft für das Bestattungsgewerbe wieder vorgetragen. "Der Verband hat seine Hausaufgaben gemacht", sagte Rolf Lichtner vom deutschen Bestatterverband auf der abendlichen Podiumsdiskussion. Dazu zählt er die Fortbildung zum geprüften Bestatter, die mittlerweile bundeseinheitlich geregelt ist. In sechs berufsbegleitenden Wochenseminaren lernt der Nachwuchs, dass Totgeburten über 500 Gramm bestattungspflichtig sind, dass Hessen und Rheinland-Pfalz keine ortspolizeiliche Genehmigung für Feuerbestattungen verlangen, wie man Angehörige tröstet und dass man in eine Todesanzeige nicht schreibt: "Wir trauern um unsere liebe Frau, die grausam verstorben ist." Auf einem Lehrfriedhof im unterfränkischen Münnerstadt üben die Bestatter das Ausheben von Gräbern und die Choreografie einer Trauerfeier.

"Die Fortbildung der Bestatter hat hohe Qualität", bescheinigt Wolfgang Oppel vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) dem Verband. Oppel hat unlängst den Lehrfriedhof und das Ausbildungszentrum in Münnerstadt besucht. Aus seiner Sicht spricht nichts dagegen, aus der Fortbildung einen dreijährigen Ausbildungsberuf zu machen - mit Berufsschule, Ausbildungsordnung und Tarifvertrag. Oppels Meinung ist für die Bestatter die halbe Miete, denn ohne den DGB bewegt sich nichts im deutschen Ausbildungssystem. Allerdings muss der Gewerkschafter noch seine Kollegen überzeugen - und das wird nicht ganz einfach.