Marion Gräfin Dönhoff, 91, wuchs auf Schloss Friedrichstein in Ostpreußen auf. Nach ihrer Flucht aus dem Osten trat sie im Sommer 1946 in die frisch gegründete ZEIT-Redaktion ein. Sie leitete das politische Ressort, war Chefredakteurin und ist seit 1973 Herausgeberin dieser Zeitung.

In der Kindheit, da bin ich sicher, wird der Mensch für sein ganzes Leben geprägt. Deshalb ist es auch so wichtig, wer in dieser formativen Phase Einfluss nimmt. Bei mir waren das merkwürdigerweise nicht diejenigen, die zur Erziehung für viel Geld engagiert wurden, also Hauslehrer und Gouvernanten, sondern unsere Angestellten aus den verschiedensten handwerklichen Bereichen. Zum Beispiel der Kutscher oder der Chauffeur.

Von ihnen lernte ich fast alles, was zu ihren Tätigkeiten gehörte. Beim Chauffeur lernte ich, ein Auto zu reparieren. Ich konnte den Vergaser auseinander nehmen und wieder zusammensetzen, und ich wusste, wozu ein Differenzial da ist. Der Kutscher, den wir sehr liebten, brachte mir das richtige Striegeln der Pferde bei und die Mädchen das Plätten. Sie alle stellten große Anforderungen und waren sehr streng mit uns.

Bei uns herrschte kein so kühles Verhältnis, wie man es sich zwischen der Herrschaft und den Angestellten vorstellt. Das war ja auch das wunderbare am Leben im Osten, dass es wie eine Art Organismus funktionierte. Jeder wusste, die oben konnten nicht zufrieden sein, wenn die unten nicht zufrieden waren - und umgekehrt.

Schule fand man für mich völlig unwichtig. Ich war das siebte Kind und wuchs im Ersten Weltkrieg auf. Ich hatte keine Lehrer, sondern bekam Unterricht von meinen älteren Geschwistern. Die machten sich natürlich über mich lustig und brachten mir nichts bei. Auch die baltischen Barone, die bei uns Zuflucht fanden und mich unterrichten sollten, blieben erfolglos, denn sie hatten von nichts eine Ahnung.

Einmal besuchte ich eine richtige Schule, in Königsberg. Meine älteren Brüder wohnten dort bei einem Onkel, der sie überwachen sollte. Und da wurde ich dazugesteckt. Nach drei Monaten musste ich die Schule jedoch wieder verlassen. Die Lehrer sagten: Es hat keinen Zweck, sie kommt fast jeden Morgen zu spät. Das hing mit der dicken Graupensuppe zusammen, die es in jenen schlechten Zeiten aus Sparsamkeitsgründen immer zum Frühstück gab. Ich mochte keine Graupen, pickte sie deshalb einzeln aus der Suppe, und das dauerte natürlich. Deshalb kam ich immer zu spät. Also, die Schule, das war nichts.

Einmal wurde ein Versuch gemacht, mich in einer Schule in Berlin zu zivilisieren. Doch kurz zuvor erlebte ich einen furchtbaren Autounfall. Unser Chauffeur war im dunklen Königsberg vom Weg abgekommen und in den Pregel gestürzt, der dort zehn Meter tief ausgebaggert war. Ich konnte mich als letzte Überlebende retten. Die Katastrophe spielte dann bei der Aufnahmeprüfung für die Schule in Berlin eine Rolle. Da ich nie vernünftigen Unterricht gehabt hatte - ich war immerhin schon 13 -, wollten die Lehrer feststellen, in welche Klasse ich denn nun gehörte. Das Ergebnis war fürchterlich. Im französischen Diktat hatte ich 33 Fehler, ich sollte über den Großen Kurfürsten schreiben, verwechselte ihn aber mit Friedrich dem Großen, und von fünf Mathematikaufgaben hatte ich nur eine halbwegs verstanden.