Recklinghausen ist ein besonderer Ort in der Geschichte der Angela Merkel. Im Ruhrfestspielhaus, an einem altbundesrepublikanischen Schauplatz par excellence, fand am 28. Februar 2000 die wohl wichtigste jener Regionalkonferenzen statt, auf denen die einstige DDR-Bürgerin während der Spendenaffäre an die Spitze der CDU gejubelt wurde. Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Jürgen Rüttgers, selbst nicht ohne Ehrgeiz, hat damals die Konsequenz aus den Ovationen, mit denen die Generalsekretärin im Saal begrüßt worden war, gezogen. "Die Regionalkonferenzen haben ja den Sinn, in die Partei hineinzuhören", bemerkte er, und dann, zu Wolfgang Schäuble gewandt, dem scheidenden CDU-Chef, der demnächst einen Nachfolger vorzuschlagen haben würde: "Sie haben gerade etwas gehört ...!"

"Das Instrument der Regionalkonferenzen hat sich bewährt", wie es im Parteideutsch heißt, und so gab es in der vergangenen Woche im Recklinghäuser Ruhrfestpielhaus wieder eine, zur Vorbereitung auf den CDU-Parteitag, der Anfang Dezember in Dresden abgehalten wird. Die Stimmung war nicht wie seinerzeit, aber doch freundlich und munter. Die Vorsitzende gluckste und schäkerte höchst mädchenhaft und öffentlichkeitswirksam hinter dem Präsidiumstisch. Ihre Laune war gut, ihre Rede auch; noch besser hatte sie zwei Tage vorher auf der Regionalkonferenz im brandenburgischen Kremmen gesprochen. Da war die Erinnerung an die Vertrauensfrage des Bundeskanzlers noch frischer gewesen, an die Verbiegungsschmerzen, Vergiftungsgefühle und Todesängste in der Koalition. Die Kriegs- und Rezessionsnöte der Regierung haben die Lebensgeister der CDU geweckt.

Plötzlich ein vierter Kandidat

Man muss das extra sagen, weil die allgemeine Wahrnehmung eine andere ist. Sie sieht das Berliner Machtspiel im Wesentlichen als Angelegenheit zwischen dem Kanzler und den Grünen, und wenn es um einen politischen Wechsel geht, dann richtet sich der Blick auf die FDP. Die Union kommt bei alledem gar nicht mehr recht vor. Jetzt, wo es in der Zuwanderungsfrage neuen Ärger zwischen CSU und CDU gibt, wird das Medienecho ohnehin wieder schlechter. Zumindest die Bundestagsfraktion aber hat sich von der rot-grünen Afghanistan-Vorstellung sehr wohl beflügelt gefühlt. Friedrich Merz war in der Debatte so sehr in Form, dass hinterher ein Abgeordneter meinte: "Jetzt haben wir einen vierten Kanzlerkandidaten", neben den üblichen Verdächtigen Merkel und Stoiber und dem Außenseiter Schäuble. Ganz wörtlich ist das nicht zu nehmen; aber eine etwas längere Vorschlags- oder Bewerberliste würde den Posten, der da zu vergeben ist, auch etwas attraktiver ausschauen lassen: "Wer darf es machen?" wäre die Frage, statt: "Wer muss es machen?"

Die CDU wirkt zurzeit animiert. Stabilisiert ist sie nicht; das zeigt schon die Ungewissheit, mit der sie dem bevorstehenden Parteitag entgegensieht. 1200 Änderungsbegehren zum Leitantrag des Vorstands liegen vor, eine außergewöhnlich hohe Zahl. Zeugt das nun von erfreulichem Diskussionseifer oder von bedrohlicher Unzufriedenheit mit der Führung? Generalsekretär Laurenz Meyer muss gewählt werden; seine bisherigen Leistungen sind kaum geeignet, ein gutes Ergebnis zu rechtfertigen. Ein schlechtes aber darf natürlich nicht sein. Schließlich gibt es den "beauty contest" der beiden möglichen Kanzlerkandidaten, die Hauptrede der Vorsitzenden Merkel und die Gastdarbietung des Schwesterparteichefs Stoiber, den Vergleich zwischen den zwei Auftritten und vor allem zwischen den anschließenden Beifallsbekundungen. Allerlei Auswirkungen auf Zeitpunkt, Modus und Ausgang der Kandidatenkür sind denkbar.

Führende Unionspolitiker pflegen offiziell zu beteuern, dass die K-Frage doch gar nicht so interessant, dass vielmehr die Sach- und Programmarbeit entscheidend sei. Man glaubt ihnen selbstverständlich kein Wort, zumal dieselben Leute mit Vorliebe über Personalia reden, wenn die Mikrofone abgeschaltet und die Notizblöcke beiseite gelegt sind. Trotzdem ist etwas daran und das eigentliche Thema der Union weniger ein Führungs- als ein Identitätsproblem, die Tatsache, dass Strategie und Selbstverständnis nach drei Jahren Opposition immer noch bemerkenswert unklar oder, um es freundlicher zu sagen, offen sind. Die Varianten und Versionen von Christdemokratie, die da zur Auswahl stehen, verbinden sich dann allerdings mit Namen und Figuren.

Da ist etwa Friedrich Merz, der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er hat sich auf seinen Auftritt in der Afghanistan-Debatte durch die Beschäftigung mit Helmut Schmidts Vertrauensfrage vom Februar 1982 vorbereitet, als die sozialliberale Koalition unter Ächzen und Stöhnen für ein paar letzte Monate zusammengezwungen wurde. Merz hat die Bundestagsprotokolle nachgelesen und festgestellt, dass Schröder und er eigentlich die Reden von Schmidt und Helmut Kohl noch einmal hätten halten können; auch die Themen, die Schwachstellen der Regierung, waren dieselben: Wirtschafts- und Sicherheitspolitik. In dieser Wiederkehr des Gleichen steckt mehr als eine rhetorische Pointe. Für Merz ist die SPD seit Anfang der achtziger Jahre, und womöglich seit den Siebzigern, im Grunde unverändert geblieben, weiterhin die alte Linke, marktfeindlich und bündnisunfähig. Daher braucht sich auch die Union nicht neu zu erfinden. Ihre Wahrheiten, über die Leistungsgesellschaft oder die Freundschaft zu Amerika, gelten noch immer, vor allem aber: Sie sind noch immer frisch, unselbstverständlich, umkämpft. Man ist nach wie vor genug damit beschäftigt, sie durchzusetzen.