Kapérn: Die Experimente des US-Unternehmens ACT, Advanced Cell Technologies, mögen wissenschaftlich unvollkommen gewesen sein. Trotzdem haben sie weltweit Empörung ausgelöst. Erstmals nämlich ist ein menschlicher Embryo in den Laboratorien der Hightech-Firma geklont worden. Auch hierzulande ist dadurch die Diskussion über die Gentechnologie neu entfacht worden, eine Diskussion, die sich im Moment insbesondere mit der Frage befasst, ob der Import sogenannter embryonaler Stammzellen zu Forschungszwecken gestattet sein soll. Heute will sich der Nationale Ethikrat mit dieser Frage befassen. Zuvor hat das schon die Enquete-Kommission des Bundestages getan. Die Zeit drängt. Die deutsche Wissenschaft verlangt ein Votum des Bundestages. Bei uns am Telefon nun der Bischof der evangelischen Kirche von Berlin und Brandenburg, Wolfgang Huber, Mitglied des Nationalen Ethikrates. Guten Morgen!

Huber: Guten Morgen Herr Kapérn!

Kapérn: Bischof Huber, was bedeuten die Nachrichten aus den USA über das erstmalige Klonen von Embryonen für die Diskussion, die Sie heute zu führen haben?

Huber: Zunächst muss man erschrecken darüber, dass Forscher auch im Blick auf das menschliche Leben alle Möglichkeiten, über die sie technisch verfügen, auszuloten und auszunutzen versuchen, wobei man ja sagen muss, in diesem amerikanischen Fall ist der Versuch gescheitert. Entwicklungsfähig war das Leben nicht. Aber wenn es entwicklungsfähig gewesen wäre, dann geben diese Forscher selber zu, dass sie damit reproduktives Klonen genauso hätten einleiten können wie therapeutisches Klonen, denn vom technischen Ablauf her ist das identisch. Das unterstreicht, wie notwendig es ist, sowohl durch eine öffentliche Diskussion als auch durch die notwendigen gesetzgeberischen Maßnahmen wirklich Grenzen zu setzen. Und es ist nicht forschungsfeindlich, wenn man sich um solche Grenzen bemüht. Das ist nicht ein neuer Fall Galilei, wenn man sagt, im Umgang mit menschlichem Leben muss auch die Forschung die Grenzen respektieren, die mit der Würde des menschlichen Lebens und der menschlichen Person zusammenhängen. Das ist das, was man lernen kann. Man darf nicht nach meiner Überzeugung den Forschern in Deutschland dasselbe unterstellen, was jetzt in Amerika stattgefunden hat. Da würde man übers Ziel hinausschießen. So schwierig die Frage der Forschung mit embryonalen Stammzellen ist, sie ist nicht identisch mit dem amerikanischen Vorgang, der diese Woche bekannt geworden ist, übrigens nicht ganz überraschend.

Kapérn: Aber zeigen denn nicht die Nachrichten aus den USA auch, dass, um es salopp zu formulieren, der Zug, über den Sie diskutieren, jedenfalls über bestimmte Bestandteile dieses Zuges, eigentlich längst abgefahren ist?

Huber: Das ist nur dann richtig, wenn man überhaupt bestreitet, dass es möglich sei, dass Menschen zwischen dem unterscheiden was sie tun können und was sie tun dürfen. Wenn man einen solchen Fatalismus hat, dann ist dieses Bild vom Zug richtig. Wenn man dagegen ein Bild von Menschen hat, die verantwortlich handeln auch im Bereich der Wissenschaft, wenn man eine Vorstellung davon hat, dass das Recht wirklich Grenzen setzen kann, dann unterstreichen diese Vorgänge die Dringlichkeit des Handelns und belegen nicht einen Fatalismus der sagt, ist eh alles Wurst.

Kapérn: Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft - und damit zu dem Thema, das Sie heute besonders beschäftigen wird -, Hubert Markl, hat gesagt, der Import von embryonalen Stammzellen verletzt keine rechtliche und keine ethische Norm. Sehen Sie das auch so?