Es gibt Mutproben im Leben eines werdenden Mannes, die muss er bestehen. Das Radfahren ohne Stützräder gehört dazu, der Sprung vom Dreimeterturm und der erste Kuss. Wer das geschafft hat, ist durchs Gröbste durch, und im Grunde genommen kann danach nicht mehr viel schief gehen. Wo, bitte schön, muss man wirklich noch Mut beweisen, wenn man nicht a) Schornsteinfeger ist, b) dem Partner einen Seitensprung zu beichten hat oder c) sich als Geisterfahrer auf der Spur vertan hat? Richtige Mutproben bietet sonst nur noch die Freizeitindustrie mit ihren Adrenalinkicks. Einen solchen Kick verspricht das Unterwasserhotel Jules Undersea Lodge vor der Küste Floridas. "Wollen Sie wirklich dort nächtigen?", fragte vor der Abreise die Kollegin Frau W., "fast täglich hört man von Haiattacken." Haie sind fies und können bestialisch zubeißen. Aber der Mann von der Jules Undersea Lodge beruhigte. Auch von Klaustrophobie wollte er nichts hören. Die Besucher seien begeistert, selbst Jacques Cousteau sei schon dort gewesen. "You will have a great time", sagte der Mann am Telefon, um im gleichen Atemzug nach meiner Kreditkartennummer zu fragen - die ersten 232 US-Dollar seien fällig.

Wie ein langer Wurm zieht sich Floridas Oversea Highway von Miami nach Key Largo. Es ist 32 Grad im Schatten, die Sonne reflektiert im Metall der Autos und Telegrafenmasten. Irgendwo bei Milemaker 103 weist ein kleines Schild zur Jules Undersea Lodge. Auf dem Gelände des Hotels ist es still, fast gespenstisch. Ein Kormoran glotzt ins Wasser. Kein Mensch weit und breit. Nur Souvenirs. Fische in Plastik, Fische in Plüsch. Fische in Leder. Das Übliche. "Kann ich helfen?", sagt plötzlich jemand. Ich drehe mich um. Vor mir steht ein herkulesstarker Mann in Shorts und Shirt, dessen Stimme ich gleich wiedererkenne. Der Mann ist diesmal weniger gesprächig, fragt kurz, wie der Flug war und dann nach meiner Kreditkarte, um die nächsten 232 US-Dollar abzubuchen. Bei einer Übernachtung für umgerechnet 1000 Mark denkt man natürlich an eine Luxussuite, vor allem, weil die Jules Undersea Lodge nach Jules Vernes benannt wurde. Man denkt also an Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer und an Kapitän Nemo, der mit dem Luxus-U-Boot Nautilus durchs Wasser kreuzte. In der Bibliothek waren die Diwane mit Leder ausgeschlagen, Fayencen, Porzellan und Glasgefäße von unschätzbarem Wert prangten im Speisesaal.

"Bevor es jetzt runtergeht, müssen Sie einen Blitztauchkurs machen", sagt der Empfangsboy des Hotels. Der Empfangsboy heißt Mike, hat einen grauen Bart, lange Haare und einen Spitzbauch. Er ist 58 Jahre alt. Er ist auch Tauchlehrer, Kellner, Klempner, Koch und mehr. Den Schwerpunkt beim Blitztauchkurs legt Mike auf Blitz, innerhalb von 20 Minuten stehe ich mit Sauerstoffflasche, Bleigurt, Brille und Flossen an der Kaimauer. Mike schubst mich ins Wasser und springt hinterher. Dummerweise ist Mike sofort verschwunden, während ich mit der Ausrüstung kämpfe. Der Bleigurt scheuert auf der Hüfte, die Brille beschlägt, und von Tauchen kann keine Rede sein. Das Wasser hält mich oben. Erst als Mike wieder auftaucht und mir noch ein paar Brocken Blei an den Gurt hängt, zieht mich das Gewicht in die Tiefe.

Die Undersea Lodge liegt auf dem Grund einer von Mangroven gesäumten Lagune, knapp zehn Meter tief. Früher war sie Forschungsstation für Meeresbiologen vor der Küste Costa Ricas. Auch die National Aeronautics and Space Administration (Nasa) nutzte die Unterwasserbox als Versuchslabor. Wer es darin 30 Tage aushielt, ohne auf die Kollegen loszugehen, Futterneid zu entwickeln oder anderweitig durchzudrehen, war tauglich für einen Trip ins All. Irgendwann kam der Aeronaut Ian Koblik auf die Hotelidee. Von weitem sieht es aus wie eine algenbewachsene Garage mit drei dicken Bullaugen. Aber so richtig gut sieht man in diesem brackigen Wasser nicht. Mike ist auch schon wieder verschwunden. Und bei einem zufälligen Blick nach rechts bleibt mir fast das Herz stehen: Ein großer Fisch steuert direkt auf mich zu. Ab einer bestimmten Größe sehen Fische wie Bestien aus, mal abgesehen vom Delfin. Leider ist dieser Fisch kein Delfin, dreht beim Anblick meiner hektischen Armbewegungen aber ab.

"Das war ein Barrakuda", sagt Mike, nachdem wir wenige Minuten später durch eine Bodenluke im Hotel aufgetaucht sind. Am besten macht man sich keine Gedanken darüber, was so ein Barrakuda alles anrichten kann, und wirft einen Blick in die Empfangshalle. Mit den abwaschbaren Wänden und den blauen Plastikmatten sieht sie aus wie die Umkleidekabine eines Hallenbades. Wir stehen bis zum Bauchnabel im Wasserschacht, legen die Tauchgeräte ab. Mangrove Snapper und ihre Cousins mit den gelben Flossen, die Schoolmaster Snapper, umkreisen uns. Bevor ich das Wasser verlasse, beißt mir eines der Biester ins Bein. Das Hotel wird von einem so genannten Mission Control Center mit Luftdruck versorgt. So kann das Wasser nicht aufsteigen. Auch ein ausgeklügeltes Alarmsystem gehört dazu. Es warnt, wenn sich der Sauerstoffgehalt verändert.

Von der Empfangshalle geht es rechts in die beiden Schlafkabinen, links in die Küche. Die Türen sind runde Luken von der Größe eines Gullideckels.

"Gibt es keinen weiteren Gast hier?"