Das gesetzliche Schlupfloch heißt Macduff loophole. Denn die Shakespeare-Figur Macduff erfüllte die Prophezeiung, dass niemand, der von einer Frau geboren wurde, Macbeth verletzen kann. Macduff kam durch Kaiserschnitt zur Welt, Macbeth starb durch seine Hand. Ähnlich hintersinnig offenbart sich die aktuelle britische Bio-Tech-Falle. Der Human Fertilisation and Embryology Act von 1990 definierte einen Embryo als "einen lebenden menschlichen Embryo, bei dem die Befruchtung abgeschlossen ist". Die Klonmethode nach Dolly sieht indes keine Befruchtung vor. Eine Körperzelle wird lediglich in eine entkernte Eizelle bugsiert und das Ganze anschließend unter Strom gesetzt. Trotz Potenzial zum ganzen Menschen handelt es sich per definitionem also nur um einen beliebigen Zellhaufen, frei zur Verwendung. Die Lebensschützer von Prolife hatten die Gesetzeslücke entdeckt. Mitte November bestätigte der Oberste Gerichtshof den warnenden Aktivisten, dass dieses Schlupfloch existiert.

Jetzt drängt der italienische Gynäkologe Severino Antinori auf die britische Insel, bereit, seinen verrückten Plan umzusetzen, einen Menschen zu klonen. Nach dieser italienischen Absichtserklärung und dem Vorpreschen der amerikanischen Kloner von ACT aber will die Regierung das Leck im Gesetzeswerk stopfen. Und Severino Antinori spielt auf Zeit. Die zwei, drei Monate, die ihm bleiben, bis die Lücke geschlossen ist, würden ausreichen, um ein paar Leute zu behandeln. Prompt reagierte die britische Regierung notfallmäßig und stellte vergangene Woche einen Gesetzesentwurf vor, um reproduktives Klonen zu verhindern. Nach der neuen Human Reproductive Cloning Bill soll es fortan strafbar sein, einen Embryo in den Uterus einer Frau zu transferieren, der anders als durch Befruchtung entstanden ist. Wer dagegen verstößt, riskiert zehn Jahre Gefängnis. Schon nächste Woche soll die Klonbremse mit aller Macht durch das Parlament gebracht werden.

Doch nicht nur der forsche Italiener stellt zurzeit die pragmatische Haltung der Briten in Sachen Reproduktionsmedizin auf eine harte Probe. In Leeds hat es sich ein kinderreiches Ehepaar in den Kopf gesetzt, ein Kind nach Maß zu zeugen. Ihr Ziel: Ersatzzellen für ein krankes Brüderchen. Die für reproduktionsmedizinische Fragen zuständige Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) steht unter ethischem Druck: Der Antrag, den Raj und Hashana Hashmi im September stellten, ist knifflig. Zain, das vierte von fünf Kindern, leidet unter der erblichen Blutkrankheit b-Thalassämie. Für das Überleben benötigt der Vierjährige alle vier Wochen eine Bluttransfusion und fünf Nächte pro Woche eine Medikamenteninfusion in die Bauchhöhle. Eine Knochenmarktransplantation oder passendes Nabelschnurblut könnten helfen. Aber ein Spender war nicht zu finden. Zains Eltern haben schon ihre Opferbereitschaft demonstriert, als sie das fünfte Kind natürlich zeugten, in der Hoffnung, es würde als Spender passen. Es passte nicht. Jetzt würden die Hashmis gern künstlich ein sechstes Kind zeugen. Vor der Implantation in den Uterus soll es per Gentest so ausgewählt werden, dass es genetisch optimal zum kranken Bruder passt. Nichts soll schief gehen beim zweiten Versuch.

Schon im vergangenen Jahr sorgte das amerikanische Ehepaar Nash für einen ähnlich gelagerten Präzedenzfall. Ihrer Tochter Molly konnte geholfen werden, weil sie nach Gentests ein maßgeschneidertes Brüderchen zeugten. Der entscheidende Unterschied: Die amerikanische Familie hatte erst ein Kind - das zweite ging noch als normale Familienplanung durch. Der britische Zeugungsfall aber dient unverhohlen der Produktion eines lebenden Therapeutikums. "Designer-Baby", schimpfte die Presse. Das Kind würde lediglich erschaffen zum Nutzen eines anderen.

Simon Fishel, Reproduktionsmediziner und Chef am Care at The Park Hospital in Nottingham, soll die Hashmis behandeln. Aber selbst wenn die HFEA es erlauben sollte, stehen die Chancen schlecht. "Frau Hashmi ist jetzt 39, wir kriegen höchstens noch sechs bis acht Embryonen zustande", befürchtet Fishel. Die Statistik macht den Therapieversuch zum Lotteriespiel: Einer von vier Embryonen wird denselben Erbdefekt wie Zain aufweisen, fehlerlose müssen genetisch passen, und haben auch dann nur eine 30-prozentige Chance, bis zur Geburt durchzukommen. Die HFEA will am 29. November eine Ankündigung in Sachen Hashmi machen. Fishel weiß noch nicht, wie das Ergebnis ausfallen wird. "Da die HFEA sehr auf die öffentliche Meinung schaut", sagt Fishel, "besteht angesichts der aktuellen Entwicklungen in den USA die Angst, dass sie nicht zustimmen wird."

Simon Fishel ist zwar überzeugt, dass die Bevölkerung eigentlich aufseiten der Hashmis steht. Die Erlaubnis zum therapeutischen Klonen sei in Großbritannien nicht in Gefahr. Aber die aufgeschlossene Haltung der Briten droht bei weiteren pragmatischen Herausforderungen der ungewöhnlichen Art ins Gegenteil zu kippen. Die Regularien bieten auf jeden Fall noch Gelegenheiten für Überraschungen. Im August hatte eine Französin die Erlaubnis erhalten, in einer Art Inzest ein Spenderei, befruchtet mit dem Samen ihres Bruders, selbst auszutragen. Die HFEA konnte das obskure Ansinnen nicht verhindern. Ihre Richtlinien wurden ja nicht verletzt.

Die Antiabtreibungsgruppe Prolifespürt Oberwasser. Auch in dem neuen, restriktiveren Gesetzesvorschlag fand sie prompt eine Lücke, gegen die sie nun vor Gericht ziehen will. Zwei Möglichkeiten seien noch immer nicht berücksichtigt: Der Embryo dürfe weiterhin von Tieren oder auch von Männern ausgetragen werden. "Igitt!", kommentierte Libby Purves von der Times ekelerregt und spottete über die Legislative: "Für den unbedarften Laien ist es schon ein andauerndes Wunder, wie eine Kammer, voll gestopft mit Juristen, so oft daneben hauen kann."