Karl Marx wollte sie gestern. Klaus Zwickel will sie heute. Der eine, der Urvater der Arbeiterbewegung, forderte den "brüderlichen Bund unter den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder". Der andere, Deutschlands oberster Metall-Arbeiter, verlangt nach "internationaler Gewerkschaftsarbeit" im Zeitalter des "globalen Wettbewerbs". Die Wortwahl hat sich verändert, das Ziel ist das gleiche geblieben: Solidarität, gemeinsame Aktion über die Grenzen der eigenen Nation hinweg. International, global.

Es ist ein alter Traum der Arbeiterbewegung, und wenn man den Worten moderner Gewerkschaftsführer folgt, heute notwendiger denn je. Als Marx 1864 zur Internationalen Arbeiter-Assoziation in London sprach, bestand die Welt der Gewerkschaften aus Europa und Nordamerika. Heute reicht sie in den letzten Winkel der Erde. Die Wirtschaft hat sich globalisiert, Kapitalismus und Markt regieren - weltumspannend und unangefochten. Die Gewerkschaften sagen: Es herrscht Kapitalismus pur. Oder auch, ganz traditionell: Es regiert das internationale Kapital. Da braucht es, sagen die Gewerkschaften, eine Gegenmacht. Ebenso mächtig, genauso global.

Allerdings: Davon, diese Gegenmacht zu sein, ist die Internationale der Arbeitnehmer noch fast so weit entfernt wie vor 140 Jahren. Da sind zwar, einerseits, eine Vielzahl von Verbänden, die mit vordergründig eindrucksvollen Zahlen aufwarten: der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) etwa, der 156 Millionen Mitglieder in 148 Ländern hat. Dazu der Weltverband der Arbeitnehmer (WVA), der es auf 26 Millionen Gewerkschaftler in 113 Nationen bringt. 150 Länder repräsentiert die Dienstleistungsgewerkschaft Union Network International, 23 Millionen Metaller der Internationale Metallarbeiter-Verband. Andererseits: Schlagkraft erzeugen die großen Zahlen nicht. Wenn es um die Globalisierung geht, ist die Stimme der Gewerkschaften kaum zu hören. Andere, die Bürgerrechtler und Studentengruppen, die Umweltschützer und Menschenrechtsvereine, bestimmen die Debatten.

Dabei unterscheidet sich die Kritik an der Globalisierung bei den Aktivisten kaum von dem, was auch die Gewerkschaften sagen. Klaus Zwickel spricht vom "Casino-Kapitalismus", der die Welt regiert. Der globalen Wirtschaft fehle der "soziale Pfeiler", findet Willy Thyss, der belgische Generalsekretär des WVA. Dass manche multinationale Unternehmen mächtiger sind als viele nationale Regierungen, meinen Globalisierungskritiker innerhalb wie außerhalb der Arbeiterbewegung. Aber den Gewerkschaften fehlt die einende, vernehmbare Botschaft, und es fehlt - trotz gegenseitiger, grenzüberschreitender Hilfe, trotz internationaler Kampagnen, trotz erster Versuche, multinationale Betriebsräte einzurichten - der große, globale Schulterschluss.

Dafür gibt es viele Gründe, manche hausgemacht, die meisten unverschuldet. Solidarität lässt sich leicht beschwören, sie im Konzert zwischen Deutschen und Franzosen, Rumänen und Kolumbianern, Kongolesen und Koreanern, in der Kakofonie unterschiedlicher Traditionen, Kulturen und Interessen auch herzustellen ist weitaus schwieriger. Die Arbeiterbewegung habe es "nie geschafft, die nötigen weltweiten und engmaschigen Netze aufzubauen", räumt IBFG-Generalsekretär Bill Jordan ein. Dazu kommt, dass die Gewerkschaften auch politisch in der Defensive sind. Nicht erst seit der Globalisierung, aber durch sie noch verstärkt.

Vor allem im reichen Norden der Erde trifft der globale Siegeszug des Kapitalismus die Arbeiterbewegung in einer Phase der Schwäche. Die Gewerkschaften verlieren Mitglieder, für den Nachwuchs werden sie immer weniger attraktiv, in der vom Marktglauben geprägten politischen Debatte gelten ihre Funktionäre oft als fortschrittsfeindliche Bewahrer des Status quo. Im ehemaligen Ostblock kämpft die Vorhut der Arbeiterschaft unterdessen vielfach mit den Folgen ihrer jahrzehntelangen Verquickung mit dem kommunistischen Machtapparat, im armen Süden ringt sie um Anerkennung, mancherorts um das nackte Überleben. 210 Gewerkschaftler wurden im Jahr 2000 ermordet, 2800 gefoltert. Mehr als 8200 kamen wegen ihrer Aktivitäten ins Gefängnis. Es sei nicht einfach, eine Gewerkschaft aufzubauen, "wenn man mit dem Tod rechnen muss", sagt der kolumbianische Gewerkschaftsführer Julio Roberto Gomez, der seit Jahren auf der schwarzen Liste von Todesschwadronen steht.

Gomez sagt auch, dass die Globalisierung alles noch schwerer macht. Gewerkschaften gälten den Regierenden vieler Entwicklungs- und Schwellenländer als Störenfriede, weil sie potenzielle Investoren aus dem Ausland abschrecken würden. Die Folge, so Gomez' Kollege Basile Mahan Gahé, Chef der Dignité-Gewerkschaft in der westafrikanischen Elfenbeinküste: "Ein Wettlauf nach unten" - ein Standortwettbewerb mit den geringsten Arbeiterrechten. Bangladesch wirbt ganz offiziell damit, dass seine zollfreien Exportzonen auch "gewerkschaftsfrei" sind.