Damals wäre er im Grunde reif gewesen. "Sie haben nur noch ein paar Monate zu leben", hätten die Ärzte dem Patienten sagen müssen. Gut, oftmals irren sich die Mediziner. Mal naht das Ende schneller, mal sehr viel später, kein Krankheitsverlauf ähnelt dem anderen. Aber im Endstadium dieses Blutkrebses, der Chronisch Myeloischen Leukämie (CML), war das Orakel bislang leider sehr zuverlässig. In dieser Phase explodieren die entarteten Blutvorläuferzellen (Blasten) im Knochenmark, teilen sich rasend schnell und verdrängen normale Blutzellen. Mit der Blastenkrisekommen Blutarmut, Infektionen und selbst mit Chemotherapie innerhalb von drei Monaten der Tod.

Das war im Sommer vor zwei Jahren. Heute geht es dem Patienten mit dem angeblich gewissen Schicksal gut. Zurzeit besucht er seine Tochter in Portland, USA. "Ein selten guter Verlauf", bestätigt Andreas Hochhaus, Onkologe von der Medizinischen Universitätsklinik Mannheim. Hochhaus hatte dem Todgeweihten Imatinib verabreicht, ein Mittel, das der Schweizer Pharmakonzern Novartis in Europa unter dem Namen Glivecvertreibt. An den Studien zum neuen Leukämiemittel war Hochhaus von Anfang an beteiligt. Das Ergebnis: "Mit Glivec überleben die Patienten in der Blastenkrise jetzt im Schnitt sieben statt drei Monate."

Schon als vor drei Jahren die ersten positiven Nachrichten von Glivec in Deutschland eintrafen, drängten Betroffene auf prompte Behandlung. Schließlich kämpften sie um jeden Monat. Kurzfristig wurden sie seitdem in verschiedene Studien eingeschleust. Im Mai folgte die Zulassung in den USA. Im November erhielt das Mittel in einem Turboverfahren von nur drei Monaten (plus drei Monate für die dazugehörigen Unterschriften) den Segen für die Marktzulassung von der EU-Kommission. Das ist der vorläufige Höhepunkt eines Krebsmedikaments mit beispiellos steiler Karriere. Aus theoretischen Überlegungen am molekularen Reißbrett entstanden, fand es den Weg ins Therapiearsenal der Krebsmedizin.

Angriff aufs Amok-Enzym

In Deutschland erkranken jährlich rund 1600 Menschen an CML, die meisten sind Ende 40. 15 bis 20 Prozent von ihnen können durch eine Knochenmarktransplantation geheilt werden. Für die Übrigen ist nur eine Lebensverlängerung um Monate bis Jahre möglich. Sobald jedoch die Blastenkrise einsetzt, ist alles zu spät.

Die neue Waffe im Kampf gegen die Leukämie wurde erstmals 1992 synthetisiert - damals noch zur Behandlung von Hirntumoren. Sieben Jahre später folgten die ersten beeindruckenden klinischen Ergebnisse. Seither sind weltweit rund 8500 CML-Patienten in Studien behandelt worden. Möglich wird die Wirkung des Mittels durch eine besondere Eigenschaft der entarteten Blutzellen, die sie für einen biochemischen Angriff prädestiniert: Aus bisher unbekannten Gründen sind bei der CML winzige Bruchstücke von Chromosom 22 und Chromosom 9 in den blutbildenden Stammzellen vertauscht. Als Folge davon entsteht ein Krebsgen, das ein "Amok-Enzym" mit dem Namen Tyrosinkinase produziert. Wie ein Schalter kurbelt es die unkontrollierte Vermehrung der CML-Zellen an. Genau diesen molekularen Schalter blockiert Glivec.

Unter der Wirkung der normalen Chemotherapie nimmt irgendwann nach vier bis fünf symptomarmen Jahren die Produktion der funktionslosen Zellwracks wieder rapide zu. Wenn in der Blastenkrise die Standardtherapie mit Interferon nicht mehr greift, schlägt die punktgenaue Enzymblockade an. Innerhalb von zwei bis drei Wochen verschwinden bei 90 Prozent der Patienten alle deformierten Blutzellen. Nach dem flüchtigen Blick durchs Mikroskop könnten sie als geheilt durchgehen. Reagieren die Krebszellen auf die Therapie, sind sechs Monate nach Behandlungsbeginn immerhin noch 90 Prozent der Betroffenen am Leben - sonst ist es nur noch die Hälfte. Das unglaublich schnelle Verschwinden der entarteten Zellen, manchmal sogar des Krebsgens, fasziniert Experten wie Laien. "Für die Patienten ist die Normalisierung des Blutbildes häufig der wichtigste Punkt", sagt Hochhaus. Dieses Phänomen lässt die Experten annehmen, dass das Mittel lange wirkt und vor allem Leben verlängert. Genau aber wissen sie es nicht. Auch den EU-Behörden liegen bislang nur unvollständige Daten vor. In der Empfehlung des Committee for Proprietary Medicinal Products, dem die EU-Kommission gefolgt ist, heißt es ausdrücklich: "Es gibt keine kontrollierten Studien, die einen klinischen Nutzen oder ein verlängertes Überleben demonstrieren." Den Einsatz nicht zu versuchen wäre aber in der aussichtslosen Situation der Betroffenen auch keine Option.