Osama bin Laden - Wanted dead or alive. George W. Bush scheint seinem erklärten Kriegsziel in Afghanistan immer näher zu kommen. Aber selbst wenn es den amerikanischen Truppen jetzt gelänge, den Anführer des Terrornetzwerks Al-Qaida aufzuspüren, zu verhaften oder zu töten - wäre dies auch das Ende der Organisation? Die Antwort heißt: Nein.

"Al-Qaida ist für den Terror, was die Mafia für das Verbrechen ist", sagte George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September. Doch der Vergleich stimmt nicht ganz. Denn im Gegensatz zur festgefügten, hierarchischen Struktur der Mafia ist Al-Qaida ein Netzwerk von ungebundenen Mudschahidin. Also eine lose Vereinigung von Gotteskämpfern, die zwar dieselbe Ideologie haben, aber recht unterschiedliche Ziele verfolgen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz geht davon aus, dass die Terrorzellen nicht notwendig grünes Licht von Osama bin Laden brauchen. "Völlig autonom und ohne eine Rücksprache an entscheidender Stelle zu führen, können sie über ihre eigenen Anschlagsziele entscheiden", zitiert der Spiegel Mitte Oktober ein Verfassungsschutzpapier.

Der renommierte Islamwissenschaftler Peter Heine von der Berliner Humboldt-Universität, der seit Jahren über Al-Qaida forscht, beschreibt die besondere Schlagkraft der Terrororganisation so: "Man kann gegenwärtig von einer beweglichen, hochmotivierten Söldnertruppe sprechen, die sich überall da anwerben lässt, wo die Sache des Islam auf dem Spiel steht. Diese Personengruppe stellt auch ein Reservoir, aus dem die neuen Terroristen rekrutiert werden. Ihr gemeinsamer Lebensinhalt ist der Dschihad in seiner militantesten Art." Diese Art des Heiligen Krieges wird auch mit dem Ende bin Ladens nicht aufhören, denn Al-Qaida ist kein alleiniges Produkt des millionenschweren Exsaudis. Sie hat viele Väter.

Um Al-Qaida zu verstehen, muss man auf ihre Ursprünge zurückblicken: Muslime teilen die Welt in die dâr al-Islam, das Gebiet des Islam, und die dâr al-harb, das Gebiet des Krieges, ein. Nach Überzeugung afghanischer Muslime fielen 1979 "ungläubige" Invasoren aus der Sowjetunion in das "Gebiet des Islam Afghanistan" ein. - Und zwar mit der Absicht, in ihrem Land "gottlose Kommunisten" zu unterstützen. In vielen arabischen Ländern, aber auch in den Vereinigten Staaten, entstanden daraufhin Rekrutierungsstellen für muslimische Kriegsfreiwillige aus aller Welt - unter ihnen auch arabischstämmige Amerikaner. 1982 gründete der damalige saudische Staatsbürger Osama bin Laden in der pakistanischen Grenzstadt Peschawar eine Anlaufstelle für Gotteskrieger. Sein Büro für "Mudschahidin-Dienste" (Mkatab al-Khidmat) warb vornehmlich arabische Muslime für den Kampf in Afghanistan an.

Aus bin Ladens Verzeichnis der "arabischen Afghanen" wurde gegen Ende des Krieges die "Basis" (auf Arabisch Al-Qaida) seines Privatterrorismus. Zur damaligen Größe der Terrorarmee notiert der pakistanische Journalist Ahmed Rashid in seinem kürzlich erschienenen Buch über die Taliban: "Zwischen 1982 und 1992 erhielten ungefähr 35 000 radikale Muslime aus 43 islamischen Ländern des Mittleren Ostens, aus Nord- und Ostafrika, Zentralasien und dem Fernen Osten ihre Feuertaufe bei den afghanischen Mudschahidin. Am Ende hatten über 100 000 radikale Muslime direkten Kontakt mit Pakistan und Afghanistan und unterstanden dem Einfluss des Dschihad." Nach dem Afghanistankrieg kehrten diese "Arabi"-Veteranen größtenteils in ihre Heimatländer zurück. Nicht wenige von ihnen gingen in den Untergrund und bekämpften in Pakistan, Algerien, Ägypten, im Jemen und insbesondere in Saudi-Arabien die prowestlichen Regierungen ihrer Länder mit terroristischer Gewalt. Damit wuchsen auch Macht und Einfluss von Al-Qaida.

Albanien - "sicherer Hafen" für Muslim-Extremisten

Im April 1994 besuchte bin Laden auf Einladung des albanischen Geheimdienstes die Hauptstadt Tirana. Er kam als Mitglied einer saudischen Delegation. Albaniens Staatspräsident Sali Berisha ließ es sich nicht nehmen, den Besucher persönlich zu empfangen, hatte bin Laden seiner Regierung doch großzügige finanzielle Hilfe zugesagt. Berisha hatte gleich zu Beginn seiner Amtszeit 1992 den Beitritt seines Landes in die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) durchgesetzt. Seit jener Zeit soll bin Laden westlichen Nachrichtendiensten zufolge verschiedene Einrichtungen in Albanien gegründet oder zumindest mitbegründet haben: zum Beispiel die Arabisch-Islamische Bank in Tirana, in der Terroristen Konten gehabt haben sollen, und die Hilfsorganisation Al-Haramen. Al-Haramen soll nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste auf dem Balkan Hunderte von albanischen Muslimen militärisch ausgebildet und als Dachorganisation für bin Ladens terroristische Expansion in Südosteuropa fungiert haben. Albanien wurde so ab Mitte der neunziger Jahre zu einem "sicheren Hafen" für islamische Extremisten.