DIE ZEIT: Herr Professor Collignon, Deutschland ist die größte Volkswirtschaft der EU und hat das schwächste Wachstum. Wie erklären Sie das?

Stefan Collignon: Zunächst gilt: Seit drei Jahren ist Deutschland ökonomisch nur noch eine Provinz der Volkswirtschaft namens Euroland. Wenn Deutschland also größere Schwierigkeiten hat, so muss das regionale Gründe haben.

ZEIT: Welche?

Collignon: An erster Stelle steht der Zusammenbruch der Bauindustrie. Wenn man diesen Faktor aus der deutschen Wachstumsrate herausrechnen würde, dann wäre Deutschland die am drittstärksten wachsende Wirtschaft Europas, hinter Irland und Griechenland. In der Bauwirtschaft gab es nach der Wiedervereinigung einen Boom mit Überinvestitionen. Nach dem Ende der Sonderabschreibungen platzte die Blase, da dauert es lange, bis die Konjunktur wieder in Gang kommt.

ZEIT: Das kann aber nicht die einzige Wachstumsbremse sein.

Collignon: Nach wie vor ist die deutsche Wirtschaft sehr stark durch die finanziellen Folgen der Wiedervereinigung belastet. Die Höhe der öffentlichen Transfers von West nach Ost, 1000 Milliarden Euro seit 1990, machen etwa fünf Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus. Das ist eine entsprechende Belastung des Kapitalstocks in Deutschland. Die Folge: Die Rendite ist gesunken. Unternehmen investieren dort, wo sie höhere Renditen erzielen, also in anderen Teilen der Welt.

ZEIT: Wird uns dieser Effekt noch lange begleiten?