So weit entfernt und doch so nah: Gelegentlich, doch eher selten gelingt es einem Bilderbuch, raumzeitliche Dimensionen scheinbar mühelos zu überwinden. Beweisstück: Zhong Kui, ein Besuch in der Pekingoper mit dem in Frankreich lebenden chinesischen Künstler Chen Jianghong.

Für uns Westler ist die traditionsbeladene Pekingoper ein befremdliches, eher misstönendes Spektakel: Männer, die auch Frauenrollen besetzen, schrille Falsettstimmen, begleitet von exotischem Instrumentarium. Dazu prächtigste Kostüme und dämonische Masken, hinter denen wir nur durch die symbolträchtigen und spezifischen Farben die Guten von den Bösen unterscheiden können (gut ist rot, schurkisch blau, Verräter sind weiß, Gewalttätige schwarz). Sprechbühne und Gesangstheater durchdringen sich mit ausgefeilter Choreografie und bedeutungsvollem Gestus, mit ritualisierten Bewegungen von Händen und Fingern. Nichts, rein gar nichts Vertraut-Harmonisches bleibt da zum Mitsingen, Pfeifen oder rhythmischen Mitklatschen.

Aus solch komplexem Stoff ein Kinderbilderbuch zu gewinnen verrät künstlerischen Mut und verlegerische Waghalsigkeit. Kinder unserer Breiten werden bereits durch das Vorsatzpapier in die fremde Materie eingeführt: Chinesische Kinder schminken sich, einige haben sich bereits verkleidet und vollführen erste Tanzbewegungen. Die Rahmenhandlung stellt den kleinen Binbin vor, einen künftigen Theaterfan, den seine Eltern in die Oper mitnehmen. Die Vorstellung beginnt: In 14 doppelseitigen Szenen rollt das Bühnengeschehen ab, abwechslungsreich, personengenau in schönen Aquarellfarben auf Reispapier gebannt, von Zwielicht und geheimnisvollem Dunkel umspielt.

Vorhang auf, die Handlung: Arme geschwisterliche Waisen müssen sich durchkämpfen, Rosenduft stickt, Zhong Kui möchte die Beamtenlaufbahn einschlagen, er lernt. Aber bei den Prüfungen unterliegt er seinem wohlhabenden Konkurrenten, der den Schiedsrichter bestochen hat. Voll Verzweiflung rennt sich Zhong Kui den Schädel ein. Doch jetzt greifen die Unsterblichen ein und erhöhen den Wiederbelebten zum Erdenrichter. Zwischen Himmel und Erde schwebend, sorgt Zhong Kui nun für Recht und Ordnung. Und auch seine zurückgelassene Schwester bekommt den verdienten Gatten zugeführt, den trauernden Feng Yi, den der tapfere Bruder einst vor einem räuberischen Überfall rettete.

Wieder zu Hause, wird der kleine Theaterbesucher Binbin solch beispielhaftes Heldentum nachspielen, inmitten einer Welt, in der gut und böse klar getrennt sind und der Eingriff höherer Mächte und Gewalten ein gerechtes Welttheater sichert. Dass sich hiervon zahllose Brücken zu unserer vertrauten Märchenwelt schlagen lassen, ist ebenso nachvollziehbar wie die Freude von Kindern, in diesen grandios inszenierten Bildtafeln ihr Bedürfnis nach klarer, übersichtlicher Ordnung gespiegelt zu sehen. Die Ferne ist ein Stück näher gerückt.

Chen Jianghong:Zhong Kui - Ein Besuch in der Pekingoper

Aus dem Französischen von Erika und Karl A. Klewer; Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2001; 40 S., 34,23 DM (ab 5 Jahren)