Auf einem strahlend weißen Schneeberg thront ein Märchenschloss mit zahllosen Türmen, Dächern und Giebeln. Die holzschnittartige Zeichnung hat die Künstlerin durch transparent-weiße Übermalung zu Eis erstarren lassen. Das Foto eines Himmels mit seiner Farbskala von Lichtblau bis Tiefschwarz bildet den Hintergrund und sorgt für einen Kontrast, der kälter nicht sein könnte.

Aber hier begeistern nicht nur die Bilder. Das Eisschloss ist ein Bilderbuch, in dem sich eine Sammlung kühner, kühler Collagen mit knappen, klaren Texten paart. Worte und Bilder ergänzen sich zu einer gleichnishaften Geschichte über den Winter, der wie im Märchen personifiziert wird: Im Eisschloss auf dem Schneeberg leben der Eiskönig, seine Königin Lilienweiß und die kleine Eisprinzessin Eissternchen inmitten einer glitzernden Pracht aus Eiskristallen. Uns Menschen aus Fleisch und Blut konträr, sind sie glücklich und zufrieden, solange sie nicht zu sehen ist. Sie ist die Sonne, deren Vorboten den Eiskönig, seine Familie und sein Volk in traurige Stimmung versetzen, weil das Leben des Eisvolks beendet ist, sobald sie aufgeht. Für einen Sommer jedenfalls. Nur die Kürze der warmen Jahreszeit kann sie trösten, wenn sie wieder einmal voneinander Abschied nehmen müssen.

Die Illustratorin Heike Ellermann hat das von der Autorin Marjaleena Lembcke heraufbeschworene Weiße, Blaue, Kristallene und Durchsichtige auf beeindruckende, bizarr schöne Weise ins Bild gesetzt. Neben Fotografien von eisigen Bergen und wahrhaftigen Eisbergen, die sie zum Teil selbst auf den Lofoten gemacht hat, ist ihr wichtigstes Material Transparentpapier, wie es technische Zeichner benutzen. Daraus reißt sie Zapfen, Blöcke und Gewölbe aus Eis und verleiht ihnen mit weißer Ölkreide eine frostige Schraffur. Mithilfe von Kreidezeichnung auf einer Folie, die über das Bild gelegt wird, umgibt sie auch den Eiskönig, die Königin Lilienweiß und die kleine Eisprinzessin mit hauchzarten Eishüllen. Die Sonne dagegen setzt sie mit feurigem Auftritt in würdevoller Langsamkeit Seite für Seite in Szene: Morgenrot kommt sie am Horizont zum Vorschein, steigt höher und höher und brennt dann erbarmungslos Löcher in Schnee und Eis. Am Ende zerreißt ihre Wärme das Eisschloss in tausend Stücke. Es wird im Strudel der tosenden Massen des Frühlingsschmelzwassers fortgerissen.

Die Naturkräfte zu personifizieren haben Märchen und Mythen von jeher getan, um ihre gewaltige Macht begreifbar und ihren Kreislauf für menschliche Vorstellungskraft nachvollziehbar zu machen. Und keinesfalls nur für die kleinen Kinder.

Marjaleena Lembcke / Heike Ellermann(Ill.):Das Eisschloss

Lappan Verlag, Oldenburg 2001;

32 S., 24,80 DM (ab 4 Jahren)