Man darf sich diese Romane als politisch-literarischen Kompromiss denken. Ein Missstand ist anzuprangern - Armut, Krieg, Unterdrückung -, man extrahiere aus dem Ganzen das Einzelschicksal, bemale es mit Lokalkolorit und führe es dann wieder als Exempel fürs Ganze vor. Die Sujets wechseln nach Welt- und Notlage, vom südamerikanischen Straßenkind zum afghanischen Mädchen, gute Absicht ist nicht zu rezensieren. Also verblüfft es kaum, wenn solche Bücher wohlwollend und begeistert rezipiert werden, der Wille ist das Werk.

Als jüngstes Beispiel erscheint der Roman Die Sonne im Gesicht der kanadischen Autorin Deborah Ellis. Die erste Seite enthält bereits den Inhalt des ganzen Buches: Die elfjährige Parvana muss ihr Gesicht unterm Tschador verbergen, sie darf als Mädchen nicht mehr zur Schule gehen, ihrer Mutter, einer Journalistin, wurde gekündigt, der Vater hat einen Fuß verloren ... Die Taliban regieren in Kabul, als die kanadische Psychotherapeutin ihren Roman schreibt, die politische Lage verhilft ihr zu unerwarteter Aktualität. Erste Bedingung für diese Art von Roman ist die Recherche vor Ort - diesmal sind es die Flüchtlingslager in Pakistan - das Schreiben bleibt da vorwiegend lästige Nebensache. "Der Nachmittag ging weiter" und so die Handlung, die Dialoge dienen der Illusion von Leben und die Beschreibungen als Vortäuschung von Authentizität. "Die Erzählungen vieler afghanischer Frauen und Mädchen sind die Grundlagen für diesen Roman" - man sollte es dabei belassen.

Der Autor Xavier-Laurent Petit suchte für seinen in Frankreich ausgezeichneten Roman Kriegskind eine differenziertere Struktur, wechselt zwischen Erzählung, angeblichen O-Tönen und Reflexionsebene, wählt zur Unterscheidung drei Typografien und findet dafür leider nur einen Tonfall. Aberglaube, Unglück, Krieg im Balkan - er wühlt in einem Ersatzteillager von Motiven und Geschichten, von Personen und Reflexen, während der arme, kleine Dorfjunge Jozef für das Unglück der Welt stehen muss. "Es gibt Hunderttausende von Jozefs", schreibt Petit in seiner Einleitung und sieht dies als Pluspunkt, "genauso könnte er aus dem Kongo stammen, aus dem Iran, aus Kambodscha, Algerien oder aus dem Kosovo." Und so liest sich das Buch. Es ist ohnehin egal - Krieg ist überall.

Einen anderen Weg geht seit Jahren die aus Frankreich übernommene Reihe Ich klage an! Sie bindet einen Sachteil zwischen zwei Erzählungen, befreit die Prosa von der Qual der Informationspflicht und die Informationen von blumigen Sprachkulissen. Mit dem neuen Band Verschwunden - In geheimer Haft fügt Urs M. Fiechtner mit seinem deutschen Originalbeitrag der jetzt 14 Bände umfassenden Enzyklopädie einen Höhepunkt hinzu. Klar und genau gedacht, ohne kalt zu werden, entwickelt Fiechtner die Mechanik und Logik eines Terrors, der darauf beruht, Angst und Hoffnung als teuflisch schizophrene Kombination zu installieren. Gegen Verhaftung, gerichtliche Willkürurteile, öffentliches Gemetzel oder Unterdrückung von Demokratie lässt sich protestieren und Öffentlichkeit mobilisieren, nicht gegen das Verschwinden. Die Liste der Staaten, in denen das "Verschwinden" zur Praxis wurde, ist schrecklich lang, von südamerikanischen Demokraturen bis zu befreundeten Staaten wie Türkei und Indien - die "Erfindung" im 20. Jahrhundert hat ein deutsches Patent: den Nacht-und-Nebel-Erlass vom 7. Dezember 1941.

Und doch sind es die beiden Geschichten, die dem Grauen ein Gesicht geben. Verschwundene leben, aber sie existieren nicht, die Angehörigen können nicht suchen, weil offiziell niemand vermisst wird. Catch 22 nannte Joseph Heller diese Form der Logik. Der Tag, an dem Elena verrückt wurde heißt eine große Geschichte dieses Bandes, in der Eltern vergeblich darauf warten, dass ihre 16-jährige Tochter wieder nach Hause kommt. "Mitleid ohne Verständnis schafft keine Nähe und erst recht keinen Trost, sondern Distanz." Urs M. Fiechtner verbindet beides. Klagen nicht öfters Pädagogen, sie wüssten nicht, wohin mit ihrem Schullektüre-Etat?

Deborah Ellis:Die Sonne im Gesicht