Schon dieser Anfang! Er ist eine Suchanzeige, mit der der Autor nicht bloß Leser zu finden hofft, sondern Reisegefährten, aber: "Sie sollten fit sein im Kopf, neugierig und phantasievoll." Vor allem das Letzte, denn gleich nennt er "ein Problem": "Es soll eine unmögliche Reise werden, eine wahrhaft phantastische Reise, die nur in der Phantasie stattfinden kann", eine Zeitreise in die fernste Vergangenheit, die nicht 100, nicht 100 000, sondern 540 Millionen Jahre zurückliegt. Und da sie sich in unseren Köpfen zuträgt, besteigen Autor und Leser einen Heißluftballon - und eine ebenso spannende wie malerische, eine so verblüffende wie aufregende Reise beginnt.

Das Wunderbare daran - und also: an diesem Buch, das äußerlich so gar nichts von sich hermachen muss - ist, dass wir alles leibhaftig zu sehen, sogar mit Händen zu greifen glauben - und dies ganz allein durch den frechen Zauber der Beschreibung, die uns vorgaukelt, alles stehe und geschehe vor unseren Augen und genau in dem Moment, da wir davon lesen. Das ist die Faszination, die dieses Buch ausstrahlt und in seinen Bann zieht.

Volker Arzt ist ein gewiefter Geschichtsreporter, der sein Werkzeug virtuos beherrscht. Das sind zum einen die Neugier und die Fantasie, die er entfaltet, aber auch seinen Reisegefährten unmerklich abverlangt; das ist zum anderen ein makelloses, farbenreiches, präzise gehandhabtes Deutsch - und drittens ist es die Kunst zu erzählen. Also: Volker Arzt fliegt mit uns zuerst in die Kambrium-Zeit, denn da habe sich "das Revolutionäre in der Geschichte der Erde" ereignet, geradezu "eine Explosion des Lebens" dank der "Erfindung des Lichts". Man erfährt, dass die Erde auf der Kugel ganz anders verteilt war als heute, Hamburg woanders lag und man von dort zu Fuß zum Südpol gelangen konnte. Doch das ändert sich auf dieser Zeitreise unaufhörlich, denn "die Kontinente sind offenbar beweglich". Um Pflanzen und Tieren auf die Spur zu kommen, "machen wir die ersten Schritte ins seichte Wasser", irgendetwas erinnert an die Nordsee, wir entdecken einen schönen Triboliten, den der Autor schon immer mal sehen wollte - und werden Zeuge von der "Erfindung der Tiere".

Nun wäre es verlockend, das ganze Buch nachzuerzählen, weil sich die abenteuerlichen Ereignisse überstürzen. Aber Volker Arzt ist nicht nur ein begabter Erzähler, sondern auch ein pädagogisches Talent, das zu erklären weiß, warum "nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ... deshalb schon sichtbar" werde. Auf einmal "sind 150 Millionen Jahre ins Land gegangen", sodass wir in der Devon-Zeit eine "Landmassenkarambolage", eine grüne Revolution erleben und bemerken, dass sich überraschend "der berühmte ,Ozonschild'" über uns bildet. Und jetzt lernen auch noch die Fische laufen. Zwischendurch gehen wir kurz ins Bad Kreuznacher Schloßpark-Museum, sind aber schnell zurück in der Karbon-Zeit, wo wir auf "Rieseninsekten und ein Gebirge rund um die Welt" treffen und hören, dass sich gerade der "größte Auffahrunfall der Erdgeschichte" ereignet habe.

Alles das führt uns der Autor immerzu persönlich vor Augen; also glauben wir ihm, dass er alles dies gesehen, gerochen, gespürt, gehört habe. Wir verstehen, warum "die Erfindung des Reptilieneies ... eine technische Meisterleistung" war? Irgendwann tauchen die Saurier zu Lande, zu Wasser, in der Luft auf, und die zierlichen Urpferdchen, die gar nicht aufhören können zu fressen, und die Urmenschen auch, von denen manche O-Beine haben.

Eines Tages geht der Ballon wieder nieder. Der Autor dankt uns dafür, dass wir ihm Gesellschaft geleistet haben - und wir applaudieren ihm. Und dem Verlag danken wir, dass er dem Buch sogar ein Register beigefügt hat, und tadeln ihn sehr, weil er die Seiten nicht geheftet, sondern bloß geklebt hat, sodass sie sich bei häufigem Gebrauch lösen.

Volker Arzt:Als Deutschland am Äquator lag