Mit diesem Monstrum kann man Kritiker erschlagen und Weihnachtsmänner zum Fluchen bringen. Zweieinhalb Kilogramm komprimierte Lebenskunde. Dicker als das Alte Testament, größer als der Shell Atlas, illustrer als das Familienfotoalbum, lebensnäher als der praktische Hausschatz der Heilkunde, schlauer als der Schwejk.

Der Kritiker duckt sich, der Weihnachtsmann ächzt, aber es soll sein: Der Almanach der menschlichen Narretei von A bis Z in einer neuen Prachtausgabe im Schuber. Adolf Born trifft Jean de La Fontaine. Der Magier der tschechischen Illustrationskunst und der Franzose, unumstrittener Herrscher über das Reich der Fabel. Alle 250 Fabeln, die La Fontaine zwischen 1668 und 1693 - inspiriert von den Texten Äsops und Phädrus' - in zwölf Bücher und in Verse fasste, hat der 71-jährige Prager Künstler illustriert. Böhmische Lebewesen besetzen die französische Fabelwelt. Und sie sehen ganz anders aus als jene, die vor ihnen dort strandeten, um an der Seite des "fabuliste par excellence" (Paul Valéry) unsterblich zu werden: die Geschöpfe Gustave Dorés, Grandvilles oder Marc Chagalls.

Borns Tiere kleiden sich wie Menschen im Zeitalter von Ludwig XIV. Könige und Königinnen, Comtes et Comtesses, Gigolos und Gecken, Höflinge, Fußvolk, Söldner, Invaliden, Pfaffen und Bauern, Bürger und Bettler, Mägde und Knechte, Diebe und Räuber, Richter und Henker - kurzum: das ganze Panoptikum des Welttheaters, zoologisch betrachtet. Sie kleiden sich ihrer Zeit gemäß, aber sie brauchen keine historischen Kulissen wie die Tiere in den Holzstichen Grandvilles. Borns Geschöpfe, diese zartfarbigen Mischwesen aus Aquarellhaut, Buntstiftgliedern, Tuschepünktchen und Strichelpelz, diese charakterstarken, dünnhäutigen Comicfiguren, sie scheinen direkt dem Blatt zu entspringen, auf das der Meister die Farben kleckst und sprenkelt. Die Farben nehmen flugs Formen an und mausern sich zu Gestalten, die sich die Fabeln suchen, zu denen sie gehören. Wir glauben, ihn schon mehrmals gesehen zu haben, diesen zoologischen Garten von Zwitterwesen. Nicht nur in den guten alten tschechischen Albatros-Bilderbüchern aus dem Dum Dfltske Knihy, dem Haus des Kinderbuchs am Prager Wenzelsplatz vor 1989. Nicht nur im realsozialistischen Alltag, als - aus verständlichen Gründen - die Fabulierkunst in der tschechischen Kinderliteratur, im Kinderfilm, im Schwarzen Theater und in der Illustration erblühte. Und nicht nur in ein paar - leider vergriffenen - Büchern deutscher Verlage.

Es war im Deutschunterricht von Studienrat W., Dienstag, 5. Stunde, als er uns lehrplangemäß die La Fontaineschen Fabeln ans Herz legen wollte und ebenso kläglich scheiterte wie vorher mit Faust I. Wir schwiegen und langweilten uns, selbst als die ersten Tiere aus den Fabeln ins Klassenzimmer kriechen wollten. Jetzt, Jahrzehnte später, sind sie wieder da, die tragikomischen Geschöpfe. Heute haben sie keine Hemmungen, munter um die Reime der von Marita Gleiss bereits 1978 bearbeiteten "klassischen" Übersetzung Ernst Dohms zu tanzen. Borns Tiere machen sichs auf den Seiten bequem, hüpfen, stolpern, hinken, marschieren, stolzieren, paradieren, kokettieren, marodieren, präsentieren, sie schmeicheln, schleimen, lügen, lieben, hassen, schlagen, hecheln, lachen und grinsen sich durchs Leben - tun also alles, was Menschen vertraut ist, quer durch die Gesellschaften und längs durch die Jahrhunderte.

Und hie und da schleicht eine Grinsekatze herum, in den verschiedensten Gewändern. Sie grinst so breit, dass selbst die grinsende Cheshire Cat in Alice' Wunderland vor Neid erblasste. Sie grinst, als würde sie uns sagen: "Damals wolltet ihr uns nicht. Jetzt sind wir wieder da, und ihr seid begeistert. Nun seht mal zu, wie ihr mit dem Bestiarium zurechtkommt. Uns könnt ihr nicht so leicht in die Tasche stecken wie damals den Faust."

Jean de La Fontaine/Adolf Born (Ill.):Fabeln

Illustrierte Gesamtausgabe; aus dem Französischen von Ernst Dohm; C. Bertelsmann Verlag, München 2001; 544 S., 78,- DM, (ab 12 Jahren)