Morgens beim Zeitunglesen auf dem Sofa sieht Herr Mai ganz komisch aus. Verträumt starrt er ins Leere und formt die Lippen zu einem süßsauren Spitzmund, als wolle er vor Entzücken gleich die Luft küssen. Weil oben im Kinderzimmer sein Sohn Oliver wieder so schön auf der Geige spielt. Oliver Mai ist nämlich ein Wunderkind. Musikinstrumente beherrscht er auf Anhieb. Geige, Flöte, Posaune, Schlagzeug - alles kein Problem. Mit fünf sitzt er schon im Symphonieorchester, und um seinen Wunderkindkopf leuchtet ein Heiligenschein, wenn er in Frack und Fliege eine Solostelle spielt. Oliver hat beim Musikmachen ein herrlich verschmitztes Grinsen im Gesicht. Und sein Kopf wirkt manchmal viel zu groß über den kurzen Kinderbeinen - was wahrscheinlich von den vielen Noten kommt, die er sich merkt.

Aber Wunderkinder sind ja leider schwierig. Alles, was der Knirps anpackt, gelingt ihm - und es geht ihm genauso schnell wieder auf die Nerven. Bald liegt die schöne Geige zerschmettert im Wohnzimmer, die Posaune verbeult in der Mülltonne. Und Eltern, Hund und Katze schauen ganz betreten drein. Sogar die Karpfen im Gartenteich sperren erschrocken ihr Maul auf, weil ihnen eine Querflöte entgegenblubbert. Oliver, der Kaputtmacher, die Nervensäge. Mit nichts ist er zufrieden, nichts scheint zu werden aus der tollen Musik-Wunderkind-Karriere. Bis ihm irgendwann ein Licht aufgeht: Wer alles einmal ausprobiert hat, ist am Ende reif fürs Allerhöchste. Oliver wird Dirigent. So sehen wir ihn schließlich stolz lächelnd vor dem riesigen Orchester stehen - als Maestro Mai!

Was freilich nicht bedeutet, dass alle Kinder, die dieses Buch mit den großen Bildern und den kurzen gereimten Texten gelesen haben, ihr Musikinstrument in die Ecke feuern, um sich dann als angehender Megastar zu fühlen. Sie bemerken ganz genau den Witz, und die feine, böse Ironie in den Bildern des amerikanischen Illustrators C. F. Payne. Immer eine Spur zu dick hat er den Wunderkind-Glanz aufgetragen. Der ganzen Überfliegergeschichte wohnt etwas amüsant Geschraubtes inne. Und die scheinbar makellose, heile Welt der klassischen Musik kriegt bei ihm ein paar unschöne Dellen. Wirkt Frau Mai nicht ein bisschen überehrgeizig, wenn sie mit verschränkten Armen am Fuß der Treppe lauscht, wie der kleiner Oliver oben im Zimmer, noch im Schlafanzug, die ersten Töne übt? Steht den rotnasigen, schrulligen Orchestermusikern nicht auch das Phlegma des Musikbeamtentums deutlich ins Gesicht geschrieben? Sind die Brillen, die man im feinen Publikum auf der Nase trägt, nicht vor lauter Blasiertheit weiß angelaufen?

Kleine Leser finden das Buch aus einem anderen Grund sofort sympathisch: Da gibt es jemand, der alles ausprobieren will, nie bei einer Sache bleiben kann - und am Ende trotzdem was Tolles erreicht. Das beruhigt doch sehr. Man muss ja nicht gleich Maestro werden. Claus Spahn

John Lithgow/C.F. Payne (Ill.):Oliver, der Megastar

aus dem Englischen von Nele und Paul Maar; Verlag Sauerländer, Frankfurt a. M. 2001; 36 S., 29,95 DM (ab 6 Jahren)