Als der dunkle Wald noch von blutrünstigen Räubern und reißenden Tieren bevölkert war und keinerlei handgeschnitzte Wegweiser dem Wanderer die naturschönen Pfade wiesen, war es für Eltern ganz natürlich, ihre Kinder allein durchs Gestrüpp zu schicken: zur Schule oder Pilze sammeln (für den Wintervorrat), oder eben zur Oma, mit Wein und Kuchen, es musste eben sein.

In jenen dunklen Zeiten erzählten sich die Leute Märchen, in denen ihre Ängste eine Form fanden und auch Grenzen - im symbolischen Geschehen. Deshalb gelten sie in unserem Doku-närrischen Zeitalter gern als Kindergeschichten, was auch eine Art ist, eine große Angst auf klein zu drehen: ",Ach Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul?' - ,Dass ich dich besser fressen kann.' Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen." Was das für ein Schrecken ist, hat uns Susanne Janssen jetzt ausgemalt, in Bildern, die für Kinder jedenfalls zu dunkel sind und vielleicht auch für manche Erwachsene.

Eine Frau, ihre Mutter, ihr Kind. Die magischen drei, es geht um Anfang und Ende und um das Leben, das dazwischenliegt. Rotkäppchen hat zu Beginn ein babyrundes Gesichtchen mit rosa Schnute und muss den Kopf weit in den Nacken legen, um in die Welt zu gucken. Großmutter ist grauweiß bis in die Lippen, in den Höhlungen ihres Gesichtes lauern die dunklen Schatten. Ihr Kind, das jetzt Mutter ist, beugt sich sorgend, oder ist es drohend?, über ihr Kind, das Rotkäppchen ist, und verschwindet dann bald am Bildrand. Weil das, was ihrem Rotkäppchen blüht, von ihr jedenfalls nicht abzuwenden ist. Da suhlt sich ein Tier schon mit feuchten Lefzen, das Maul schon geifernd aufgerissen.

Susanne Janssen, die schon vor sieben Jahren mit ihrem ersten, einem gelb glühenden Buch zu Italo Calvinos Geschichte über Die Wette, wer zuerst wütend wird, absolut berechtigt Furore machte und in der Zwischenzeit noch zwei weitere schöne Bände vorgelegte, hat hier zu einer Form gefunden, die uns einiges abverlangt. Sie reißt uns von einem Wechsel der Perspektive in den nächsten. Mal schauen wir von oben auf das Kind hinunter, mal müssen wir uns im Hintergrund halten, dann stürzt uns eine Gestalt aus dem Buch haltlos entgegen, quer über zwei Seiten gezogen. "Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht um?", hatte das Tier gelockt, und schon ist das stockschüchterne, "junge zarte Ding" verführt. Den Mund erwartungsvoll geöffnet, treibt es unter dem Himmel, die Haare fallen frei, im tiefen samtigen Pink lockt die Schürze, von der der Wolf, geradeaus gefragt, wissen will: "Was trägst du unter der Schürze?"

Diese Bilder gehen über den Text hinaus. Sie erzählen mit ihren pastellkreidigen Farben und dicken Pinselstrichen eine eigene Geschichte, schon weil sie das Gesicht des Kindes, das zur Frau wird, immer wieder so nah heranziehen, dass auf dem weißen Oval alle Bewegungen, jede Verwunderung, alle Gefühle wie Wolkenfelder zu verfolgen sind. Und es gibt die eine große Doppelseite, auf der wir sehen, was nie ausgesprochen wird. Da findet sich das Kind auf allen vieren, halb im Wasser liegend. Es starrt mit einem kleinen, toten Gesicht auf sein Spiegelbild im See, während der Wolf im Hintergrund neuen Abenteuern zuhechelt. Ein Buch, das Eltern am besten an Eltern verschenken.

Gebrüder Grimm/Susanne Janssen:Rotkäppchen

Hanser Verlag, München 2001; 36 S., 29,80 DM (ab 16 Jahren)